Bei der Gedenkveranstaltung in Neukirchen berichteten Zeitzeugen vom Holocaust

Erinnern heißt handeln

Am Gedenkstein: Ewald Dilling spielte Klezmer-Musik.

NEUKIRCHEN. Mit Glockengeläut begann am Sonntagabend in Neukirchen die zentrale Gedenkveranstaltung der Stadt zur Pogromnacht. Deutschlandweit waren in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Synagogen in Brand gesteckt. Die Synagoge in Neukirchen war von innen verwüstet worden.

Rund 100 Menschen versammelten sich am Gedenkstein vor der ehemaligen Synagoge und lauschten dem Klarinettenspiel Ewald Dillings. Schüler der Steinwaldschule und der Melanchthon-Schule sprachen Gebete und Gedichte. Im Rathaus, wo die Veranstaltung fortgesetzt wurde, erinnerte Bürgermeister Klemens Olbrich an die Menschen, die damals ermordet oder in Konzentrationslager gebracht wurden. „Die Geschehnisse waren ein solcher Schlag in das Gesicht von Menschlichkeit, Zivilisation und Anstand, dass wir uns auch in Neukirchen an dieses Datum immer wieder erinnern müssen“, sagte Olbrich.

Als Gastrednerin sprach Freifrau Donata von Schenck zu Schweinsberg, Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. Sie stellte einen Bezug von den damaligen Grausamkeiten hin zu den vielen Menschen, die heute auf der Flucht sind, her. „Jeder Einzelne von uns kann einen Beitrag leisten, und sei es nur, dass er mit Freundlichkeit und Respekt den dunkelhäutigen Menschen aus Schwarzenborn begegnet“, sagte Donata von Schenck zu Schweinsberg.

Die Freifrau hatte drei Gäste eingeladen. Der Liedermacher Paul Lindsey erinnerte mit einem Lied an das Schicksal der Jüdin Netti Green, die mit ihrer Familie im Konzentrationslager ermordet worden ist. Sarah Singer und Robbi Waks gaben einen kurzen Einblick in ihre Familiengeschichten. Bewegt berichtete Sarah Singer, dass außer ihren Eltern niemand aus ihrer Familie den Holocaust überlebt habe. Sie selbst sei nur geboren worden, damit ihre Eltern, die aus Polen und Litauen kamen, als Staatenlose ein Bleiberecht in Deutschland gehabt hätten. Zuhause habe die Familie nur polnisch gesprochen, sie habe eine französische Schule besucht und als Kind nie gewusst, wo sie hingehöre. „Die Erinnerung ist wichtig, damit ein solches Unrecht in Deutschland nie wieder geschieht“, sagte Singer.

In Trutzhain geboren

Robbi Waks aus Tel Aviv erzählte, er sei das erste jüdische Kind gewesen, das in Trutzhain geboren wurde, als das Lager Wohnort für Displaced Persons war. Seine Eltern wollten nach Amerika auswandern. „Ich bin in einem jüdischen Shtetl aufgewachsen, nicht in Deutschland“, führte Waks aus, „das war das Selbstverständnis meiner Eltern. Sie wollten nicht in Deutschland leben, da es für sie das Land der Mörder war.“ Doch 1956 zog die Familie nicht nach Amerika, sondern nach Düsseldorf. „Jetzt war ich zum ersten Mal wirklich in Deutschland“, so Waks.

Seine Mutter sei in Lodz aufgewachsen und habe im dortigen Ghetto Knöpfe an deutsche Wehrmachtsuniformen nähen müssen. Dem Transport von 13 000 Kindern aus dem Ghetto in ein Konzentrationslager sei sie im September 1942 nur entgangen, da sie als 14-Jährige schon zu alt war. „Der Transport war am 3. September 1942 und fünf Jahre später bin ich am 4. September von einer Mutter geboren worden, die als Kind überlebt hatte“, endete Waks.

Von Christiane Decker

Quelle: HNA

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