Jugendliche aus dem Jugendheim Karlshof schrieben Geschichten aus ihrem Leben auf

Erinnerung hat kein Ende

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Zufrieden: Die Teilnehmer des Literatur-Workshops nach der Präsentation ihrer sehr persönlichen Geschichten, die sie am Freitag vorstellten.

Wabern. „Nur das jüngste fand er nicht“, zitiert Marie aus dem Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ von den Gebrüdern Grimm.

Das Märchen ist eine Art Einleitung zu dem Text der jugendlichen Autorin, in dem sie die Zuhörer mitnimmt auf eine Reise in die tiefen Abgründe der Seele. In ihrer Geschichte kommen Angst, Schmerz und Traurigkeit zum Ausdruck, die auch zum jüngsten Zicklein in seinem Versteck im Uhrenkasten passen könnten, das mitansehen muss, wie die geliebten Geschwister vom Wolf gefressen werden.

„Meine ganze Kindheit war grässlich.“

In einem Literatur-Workshop beschäftigten sich Jugendliche des Jugendheims Karlshof in Wabern mit den Märchen der Gebrüder Grimm. Autorin Mirijam Günter bot insgesamt drei Workshops in Fördereinrichtungen für Jugendliche innerhalb der Veranstaltungsreiche Grimm 2013 an. Dabei sollte es nicht nur Vorträge über die Märchen für Professoren oder Deutsch-Leistungskurse geben, sondern Angebote für alle, erklärte Alix von Buttlar von Grimm 2013.

„Jeder hat ein Recht auf Literatur“, findet Mirijam Günter und sie weiß, wovon sie spricht: Sie wuchs in verschieden Heimen auf, lebte auf der Straße und kämpfte für ihren Traum, Schriftstellerin zu werden. Mit ihrem Debütroman „Heim“ wurde sie im Jahr 2004 mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendpreis ausgezeichnet. Seit sieben Jahren vermittelt die Autorin Jugendlichen einen Zugang zu Dichtern und Denkern.

Gefühle aufgeschrieben

In der dreiwöchigen Literaturwerkstatt im Karlshof gingen die Jugendlichen mit der Autorin der Frage nach, was Märchen uns heute zu sagen haben. Bei der Präsentation der Ergebnisse lasen sie selbst geschriebene Texte vor. Texte, die die Zuhörer berührten, denn in den Geschichten spiegelten sich die Gefühle der Jugendlichen wider. Sätze wie: „Ich erinnere mich, dass es die schlimmsten Jahre meines Lebens waren, ...dass es zwei Jahre dauerte, ...dass meine ganze Kindheit grässlich war, ...dass ich elf Jahre alt war“ gaben erschütternde Einblicke in die Vergangenheit der jungen Leute. Die einzelnen Lebensgeschichten der Jugendlichen seien oft dramatisch, Literatur biete auch eine therapeutische Möglichkeit, Erlebnisse zu verarbeiten, erklärte Jörg Hans, Betriebsstättenleiter des Vitos pädagogisch-medizinischen Zentrums (PMZ). Es wäre besser, Dinge zu schreiben, statt sie in sich hinein zu schlucken. Das Projekt gefiel auch den Jugendlichen: „Wir konnten schreiben, was wir wollten, ganz anders als in der Schule“ war der gemeinsame Tenor.

Ein weiterer Workshop mit der Autorin wurde daher gleich für das nächste Jahr geplant. „Ich bin beeindruckt, was da alles zusammenkam“, meinte Ines Inkeller, Sozialpädagogin der Wohngruppe. Die vielen schönen Texte, Gedichte, Geschichten und Aphorismen sollen gesammelt und gedruckt werden, versprach Günter, die gemeinsam mit den Teilnehmern eine Jacke trug, mit der Aufschrift: „Alles hat ein Ende, nur Deine Erinnerung nicht.“

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

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