Ersatz in der Synagoge: Kostbare Wolfhager Thora wird nicht begraben

Empfang der neuen Thora: Die Gemeinde jubelt beim Einzug in die Marburger Synagoge. Gemeindevorstandsmitglied Thorsten Schmermund (Mitte) mit der neuen Thora. Im Vordergrund die alten Thorarollen – unter ihnen auch die Wolfhager. Foto:  Coordes

Marburg/Wolfhagen. Die Thora der Wolfhager jüdischen Gemeinde überstand die Nazi-Zeit in der Marburger Uni. Nach dem Krieg fand sie einen neuen Platz in der dortigen Synagoge. Jetzt wurde sie durch eine neue ersetzt.

Für die Jüdische Gemeinde Marburgs hat das Ereignis historischen Charakter: Laut singend, tanzend und klatschend haben mehr als 200 Marburger eine neue Thora in die Synagoge gebracht. Das kostbare Buch ersetzt eine rund 170 Jahre alte Thora, die ursprünglich zu der heute nicht mehr existierenden jüdischen Gemeinde von Wolfhagen gehörte.

„In Wolfhagen gibt es aber keine jüdischen Mitbürger mehr, denen man die alte Thora geben könnte“ sagte Ernst Klein, Vorsitzender des Arbeitskreises Rückblende - Gegen das Vergessen aus Volkmarsen.

„In Wolfhagen gibt es aber keine jüdischen Mitbürger mehr, denen man die alte Thora geben könnte.“

Das kostbare Buch aus Wolfhagen hat die NS-Zeit mit viel Glück überlebt: Unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Recherche wurde es gemeinsam mit rund 30 Thorarollenaus ganz Deutschland in der Religionskundlichen Sammlung der Marburger Universität untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die wertvollen Exemplare an die Gemeinde der Displaced Persons in Marburg und von dort aus in die ganze Welt. Die Wolfhager Thora gehörte zu den drei hebräischen Bibeln, die in Marburg blieben.

Ernst Klein weiß von jüdischen Zeitzeugen, dass im November 1938 während der Pogromnacht auch sakrale Gegenstände verschwunden seien. Laut Zeitzeugen sei die Wolfhager Thora später von einem amerikanischen Soldaten mitgenommen worden, der sie an die Marburger jüdische Gemeinde übergeben habe. Sicher sei auf jeden Fall, dass die Thora tatsächlich aus Wolfhagen stamme.

Am Friedhof entdeckt 

Als der Israeli Amnon Orbach, der heute 85 Jahre alte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, vor über 30 Jahren nach Marburg kam, war er der einzige Jude in der Stadt. Die Liebe zu einer deutschen Lehrerin hatte ihn nach Marburg verschlagen. Doch ein Leben ohne Judentum konnte er sich nicht vorstellen. Deshalb suchte er nach Artefakten der einst großen jüdischen Gemeinde Marburgs. Und er entdeckte drei Thorarollen in einem Haus am jüdischen Friedhof. Zuordnen lässt sich nur die Thora aus Wolfhagen.

Nicht mehr koscher 

Längst ist sie an mehreren Stellen gerissen und geflickt und an manchen Ecken kaum noch lesbar. Damit ist sie schon lange nicht mehr koscher. Doch Amnon Orbach will sie nicht - wie im jüdischen Ritus üblich - auf dem Friedhof begraben. Die alte Thora, die so viel erlebt hat, ist ihm ans Herz gewachsen.

Und seine Stellvertreterin Monika Bunk ergänzt: „Eine Rolle, die es geschafft hat, den Holocaust zu überstehen, wollen wir nicht begraben.“ Jetzt steht sie im Thoraschrank in der Marburger Synagoge.

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Quelle: HNA

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