Als begeisterter Opa hat Georg Prüssing Kindheitserinnerungen für seine Enkeltochter fixiert

Erzählungen für Karlotta: Opa sammelt Erinnerungen für Enkelin

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Er erinnert sich, sie schreibt es: Georg und Marianne Prüssing in ihrem Garten in Treysa.

Treysa. Seit Georg Prüssing (78) Opa ist, dreht sich seine Welt ein wenig anders. Die Besuche von Enkelin Karlotta (6) sind immer Glanzlichter für das Ehepaar Prüssing. Und plötzlich sind Erinnerungen an die eigene Kindheit wieder ganz nah.

Wie selbstverständlich kam Prüssing die Idee, gerade für Karlotta festzuhalten, was ihm noch heute so lebendig vor Augen steht. Sie soll später auf jeden Fall erfahren, was ihr Opa und seine Familie im Zweiten Weltkrieg und unmittelbar danach erlebten. Jetzt hat er alles abgefasst und denkt darüber nach, den Text als Buch herauszubringen.

Zwei gedruckte Werke von Prüssing gibt es bereits, beide behandeln die Jagdleidenschaft des Treysaers. Das Skript entstand auch diesmal in Zusammenarbeit mit seiner Frau Marianne (75). Ihr diktiert er seine Notizen in die Maschine.

m März 1945 war der kleine Georg neun Jahre alt, lebte mit seiner Familie in Loshausen. Als am Karfreitag der erste US-Sherman-Panzer durchs Dorf bretterte, bekam es der Neunjährige mit der Angst, denn ein geistig behinderter Junge aus der Nachbarschaft reckte den fremden Soldaten den Arm zum Hitlergruß ausgestreckt entgegen. „Ich dachte, das war‘s“, erzählt der heute 78-Jährige. Doch der erste schwarze Mensch, dem er begegnete, lachte nur.

Für die Kinder im Dorf begannen nun lange Monate, in denen kein Schulunterricht stattfand. Prüssing hat Bilder im Kopf vom Schwimmenlernen an der Loshäuser Schleuse und dem Paddeln in einem Flugzeugbenzinkanister, der als Bootchen diente.

Die Nachkriegszeit begann für die Schwälmer Kinder so richtig im November 1945, erst da fing die Schule wieder an. Ein Fräulein Haubrich war die Lehrerin in Loshausen, „sie war eine ganz stramme Hitleranhängerin gewesen“. Doch schließlich war sie einfach nur noch hilflos vor der Klasse, weiß Prüssing noch, im Schuldienst verblieb sie aber irgendwie.

Prüssings Aufzeichnungen sind nicht chronologisch abgefasst, sie springen zeitlich vor und zurück. Auch hin zu den US-Besatzern mit ihrem paradiesischen Küchenzelt unter einer Kastanie am Bahnhof Loshausen.

Orangen für Zwiebeln

Eines Tages fehlten dem Koch, einem Mann, der fließend Deutsch sprach, Zwiebeln. Er versprach pro Zwiebel eine Apfelsine, und Georg war der erste, der mit reichlich Zwiebeln zurückkehrte. „Damals aß ich meine erste Orange, denn ich brachte ja stolz einen ganzen Haufen nach Hause.“ Doch bald springen die Memoiren wieder zurück in die letzte Kriegszeit, als der Familie schweres Unheil drohte. Der Vater war auf Kurzurlaub nach Hause gekommen, er gehörte zur „Organisation Todt“, einer militärischen Bautruppe, und war in Westfrankreich eingesetzt. Als er dorthin zurückkehren musste, ließ er sich breitschlagen, einem im STALAG Ziegenhain einsitzenden französischen Kriegsgefangenen einen Gefallen zu tun: er sagte ihm zu, seiner Ehefrau in der Bretagne ein Päckchen zuzustellen.

Was niemand ahnte: Der fanatische Ortsgruppenleiter in der Nachbarschaft leitete drakonische Strafmaßnahmen ein, die Prüssings Mutter treffen sollten. In einem Brief von der Kreisleitung wurde ihr angekündigt, dass sie in Spionage verwickelt sei und dafür Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik in Stadtallendorf leisten müsse. „Doch da waren schon die Besatzer im Anmarsch“, erzählt Prüssing, es kam nicht mehr dazu.

Der Ortsgruppenleiter übrigens entschuldigte sich später unter Tränen. Mit einer alten Wehrmachtsdecke über dem Kopf kam er eines Tages gebeugt und voller Reue zurück ins Dorf. „Diesen gebückten Mann erkannte ich nicht mehr, das läuft noch heute wie ein Film vor mir ab.“ Befreite STALAG-Insassen hatten den Mann in den ersten Friedenstagen geholt und weggebracht, wohl in ein internationales Lager bei Darmstadt, wo er über seine Taten nachdenken konnte.

• Die beiden Titel, die Prüssing bislang veröffentlicht hat, erschienen im Neumann-Neudamm Verlag Melsungen, Titel: „...hat manchen Sturm erlebt, der alte Sack“ und „Trauung und Trophäenschau - der alte Sack auf Reisen“. Die neuen Aufzeichnungen sind noch nicht als Buch erschienen.

Quelle: HNA

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