In der sechsten Generation: Das Schuhhaus Montanus in der Wiederholdstraße wird 200 Jahre alt

Als Fahrradkurier zum Kunden

In der Werkstatt: Bis heute fertigt der Ziegenhainer Orthopädieschuhmachermeister Karl-Heinz Montanus (61) Schuhzurichtungen und Einlagen an. Fotos: 1 Rose/1 Repro 

Ziegenhain. Seit sechs Generationen dreht sich im Hause Montanus in Ziegenhain alles um den Schuh: Vor 200 Jahren, im Oktober 1812, eröffnete Johannes Montanus eine Schuhmacherwerkstatt. 1905 eröffnete die Familie ein Ladengeschäft in der Wiederholdstraße. Bis heute hat das Geschäft dort seinen Sitz, Orthopädieschuhmachermeister Karl-Heinz Montanus leitet zusammen mit seiner Frau Irene den Betrieb seit 1975.

Nie hat Montanus auch nur einen Moment an seiner Berufswahl gezweifelt: „Ich saß schon als kleiner Junge neben dem Opa in der Werkstatt und habe zugeschaut“, erzählt der 61-Jährige. Damals hieß der Laden noch Schuhlager. Das geht aus alten Rechnungen hervor. Häufig sei der Großvater unterwegs gewesen, habe Schuhe noch selbst bei den Kunden abgeholt.

Schon als Jugendlicher verdiente sich Karl-Heinz Montanus im Betrieb etwas hinzu. Er reparierte Leder-Schulranzen, die stets an einer Seite ausrissen und wieder vernäht werden musste. „Gern ging ich meiner Mutter bei der Schaufensterdekoration zur Hand“, erinnert sich Montanus.

Mindestens zwei Mal in der Woche habe er Schuhe ausgefahren. Die reparierten Exemplare wurden zusammen gebunden und per Fahrradkurier zu den Kunden in der Festungsstadt gefahren. „Ich bekam immer Trinkgeld und hatte deshalb immer etwas für Süßigkeiten und Kleinigkeiten in der Tasche“, erzählt Montanus. „Aber leicht hatte es die Familie Montanus nie. Es gab immer viele Kinder, die versorgt werden wollten.“

Der Vater fertigte Maßschuhe und orthopädische Schuhe sowie Reitstiefel an. „Schwälmer Schuhe wurden jedoch überwiegend von den Dorfschuhmachern angefertigt“, erklärt der 61-Jährige.

Maßschuhe fertigt Montanus heute nicht mehr an. Denn in denen stecke echte Handarbeit. „Die Technik hat sich verändert. Schuhe werden nicht mehr genäht, sondern geklebt.“ In der Werkstatt werden aber nach wie vor Schuhzurichtungen

und Einlagen hergestellt. Auch Reparaturen sind gefragt: „Immer mehr Schuhmacher, die das Handwerk von der Pike auf gelernt haben, sterben.“ Montanus mag den Kontakt mit den Kunden, aber auch das konzentrierte Arbeiten in der Werkstatt. Unterstützt wird er seit 1975 von Ehefrau Irene. Die erfüllte sich vor zwölf Jahren den Traum von einem eigenen Fußpflege-Studio. Ob das Geschäft später weiter geführt wird, wissen sie nicht. Alle drei Kinder haben andere Berufe gelernt. „Aber es gibt auch noch Enkelkinder. Wir warten ab“, sagt Karl-Heinz Montanus.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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