Familie hinterließ Chaos-Wohnung: Neukirchen muss für 22.000 Euro sanieren

Vermüllt: Keller und Wohnräume müssen gereinigt und saniert werden. Foto: nh

Homberg/Neukirchen. Für die Sanierung einer vermüllten und zerstörten Mietwohnung in der Homberger Innenstadt muss die Stadt Neukirchen mit 22.000 Euro aufkommen.

„Ich bin schockiert“: Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich kann noch immer nicht verstehen, wie Familie W. eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Homberger Innenstadt vermüllt und zerstört zurücklassen konnte. Kaputte Türen, abgeschlagene Fliesen, schwarze Tapeten – die Wohnung muss für 22.000 Euro komplett saniert werden. Und für diesen Betrag muss nun die Stadt Neukirchen aufkommen.

Zwei Jahre lang hatte die achtköpfige Großfamilie in dem Haus gewohnt, das der Homberger Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gehört. Die SELK hatte der Familie die Wohnung angeboten, nachdem diese obdachlos geworden war: Bei einem Brand in der Neukirchener Innenstadt war das Fachwerkhaus, in dem Familie W. wohnte, niedergebrannt (siehe unten). Auf der Suche nach einer neuen Bleibe kam die Familie so schließlich in Homberg unter. „Ohne Vorbehalte und mit dem sozialen Anspruch zu helfen, hatten wir die Familie aufgenommen“, sagt Ulrike Klevinghaus, die das Haus mit insgesamt vier Wohnungen für die SELK verwaltet. Und: „Am Anfang ging noch alles gut.“ Doch dann wurde aus dem Mietverhältnis eine Geschichte voll Vandalismus, Ruhestörung, Hausfriedensbruch und Polizeieinsätzen.

Am Ende nur noch Bruch

„Zu Beginn war es eine normale Wohnung, am Ende war es Bruch“, sagt Günter Schmitt, Leiter des Neukirchener Ordnungsamtes, der die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt. Dutzende Fotos belegen den traurigen Zustand der Wohnung, die Familie W. kurzfristig Ende November verlassen hat. In einem anderen Haus in Homberg hat sie sich eine neue Unterkunft gesucht, als eigenständiger Mieter.

In der verlassenen Wohnung seien nach dem schnellen Auszug acht von sechs Zimmertüren eingeschlagen gewesen, alle Fensterrahmen demoliert, Thermostatköpfe von den Heizkörpern abgeschraubt, die nur noch schief an der Wand hingen, berichtet Klevinghaus. Das Weiß der Raufasertapeten war ins Schwarze übergegangen, alle Fußböden waren ruiniert, Müll stapelte sich in den fünf Zimmern und im Keller. An den Einbauschränken fehlten Türen, Steckdosen waren eingetreten, Fliesen und Fensterbänke zerschlagen, sagt Schmitt.

Beim Herabwirtschaften der Wohnung hätten auch Auseinandersetzungen innerhalb der Familie eine Rolle gespielt, sagt Klevinghaus: Ein gerade volljährig gewordener Sohn habe unter Alkoholeinfluss so massiv randaliert, dass Polizei und Jugendamt mehrfach eingreifen mussten und die übrigen Hausbewohner sich nicht mehr sicher fühlten.

Dutzende Wassereimer

Bei einem anderen Besuch habe sie gesehen, dass in mehreren Räumen dutzende Wasserkübel auf dem Boden standen – worauf sie das Familienoberhaupt auf das fließende Wasser im Bad hinwies, erinnert sich die Wohnungsverwalterin. Mehrfach habe sie versucht, mit dem Vater der Familie Gespräche zu führen, doch dabei sei sie auf taube Ohren gestoßen. Ein Problem sei sicher die fehlende Mutter gewesen, die für Ordnung in der Familie gesorgt hätte, vermutet die Verwalterin. Das sieht Bürgermeister Klemens Olbrich ähnlich: Den Verlust seiner früh verstorbenen Frau habe das Familienoberhaupt nicht bewältigen können.

Obdachlos nach Hausbrand

Die ursprünglich 17-köpfige Familie W. war im August 2008 obdachlos geworden: Das Haus in der Untergasse in Neukirchen war nach einem technischen Defekt im Bad ausgebrannt. Drei Familienmitglieder zogen nach Schwalmstadt, ein anderer Teil nach Neustadt. „Im Rahmen der Obdachlosenunterbringung“, sagte Bürgermeister Klemens Olbrich, war die Stadt Neukirchen verpflichtet, eine neue Unterkunft zu beschaffen. Versuche, die Familie in Seigertshausen und Riebelsdorf unterzubringen, scheiterten jeweils am Widerstand der Dorfbewohner. Aufmerksam geworden durch die HNA-Berichterstattung, stellte schließlich die SELK in Homberg eine Wohnung zur Verfügung. Als Mieter trat die Stadt Neukirchen auf, die die achtköpfige Familie per Verfügung in die Wohnung einwies. Für die Miete kam das Jobcenter Schwalm-Eder auf. Gegenseitige Versuche der SELK und der Stadt Neukirchen, das Mietverhältnis zu kündigen, zogen sich vor Gericht hin – bis die Familie W. schließlich Ende November 2010 aus freien Stücken aus der Wohnung in der Homberger Innenstadt auszog. Gegen die Familie W., für deren Unterbringung die Stadt Neukirchen insgesamt 36 500 Euro seit dem Brand bezahlen musste, will Olbrich Strafantrag wegen Sachbeschädigung stellen.

Sitzung

Die Renovierung der Mietwohnung ist auch Thema in der nächsten Sitzung des Neukirchener Stadtparlamentes am Donnerstag, 24. Januar, ab 20 Uhr im Rathaus: Bürgermeister Klemens Olbrich unterrichtet über die Auftragsvergabe. Weitere Themen sind der neue Haushalt 2011 und ein neuer Name für das Sportgelände in Seigertshausen.

Von Jürgen Köcher

Quelle: HNA

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