Prozess vor dem Amtsgericht Treysa wegen Fahrens ohne Führerschein

Familienstreit mit Folgen

Treysa. Mit Freispruch endete die Verhandlung gegen einen Geschäftsmann aus dem südlichen Schwalm-Eder-Kreis.

Die Staatsanwaltschaft Marburg hatte dem 53-jährigen Mann vorgeworfen, im Frühjahr 2013 mehrmals ohne Führerschein gefahren zu sein. Laut Anklageschrift habe er dabei einmal sogar seine Kindern mitgenommen.

Aufgrund einer Erkrankung war dem Mann bereits seit Längerem die Fahrerlaubnis entzogen worden. Die Vorfälle zur Anzeige gebracht hatte der Schwippschwager des 53-Jährigen.

Die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Angeklagten und Zeugen waren sehr verzweigt und sollten das Gericht den ganzen Prozess beschäftigen. Immer wieder musste der Vorsitzende Richter zum Gesetzestext greifen, um sich über ein im Raum stehendes Aussageverweigerungsrecht der jeweiligen Zeugen zu informieren. Zwei Verhandlungstage waren notwendig, um den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Polizeibeamte, Mitarbeiter der Zulassungsstelle, Bekannte, Verwandte, Angestellte und ein Sohn des Angeklagten wurden gehört.

Der 53-Jährige bestritt die Fahrten vehement. Die Vorwürfe seien vielmehr das Resultat eines Familienstreits. Sein Sohn könne bei einem der angeführten Vorfälle ja gar nicht dabei gewesen sein: „Er war damals mit Bekannten in Österreich im Skiurlaub.“

Alle drei Fahrten waren vom Schwippschwager akribisch in einem kleinen Büchlein dokumentiert worden. Es war offensichtlich: Der 67-jährige Rentner war die treibende Kraft hinter dem Prozess. „In der Familie ist man sich wohl nicht wohlgesonnen“, stellte der Richter schon zu Verhandlungsbeginn fest.

Zeuge als Hellseher

Selbstgefällig saß der Rentner im Zeugenstand und machte seine Aussage: Einmal habe er zufällig unterhalb der Straße an einem Bach gestanden, um nach dem Fischbesatz zu schauen und habe dabei seinen Schwager mit den beiden Kindern vorbeifahren sehen, schilderte der 67-Jährige. Auf Nachfrage, wie er das denn habe sehen können, reagierte der Mann unwirsch, woraufhin der Staatsanwalt kommentierte: „Sie sind wohl ein Hellseher. Ich glaube ihnen nicht.“

Auch die Ehefrau des Rentners konnte kein Licht ins Dunkel bringen. Sie widersprach sich in wesentlichen Punkten, unter anderem bei einer wichtigen Ortsangabe und wirkte bei ihrer Aussage sichtlich nervös. Der beim zweiten Verhandlungstag aussagende Schwager brachte die Anklage schließlich zum Einsturz.

Der Wagen könne zum Tatzeitpunkt gar nicht beim Angeklagten gewesen sein, sondern er habe den Wagen damals gefahren, erklärte der 54-jährige Kraftfahrer aus Osthessen. Auch er bestätigte den Familienstreit: „Unsere Familie ist in zwei Lager geteilt.“

Keine klare Sache

Nach Aktenlage sei das eigentlich eine klare Sache gewesen, beim Wahrheitsgehalt der Zeugenaussage habe er aber Bedenken. „Daher: Im Zweifel für den Angeklagten“, so der Staatsanwalt im Plädoyer.

Die Verteidigung schloss sich dem Antrag an und auch das Urteil viel entsprechend aus. „Der Hauptzeuge ist mit Vorsicht zu genießen, und man kann ihm nicht unbedingt glauben schenken“, sagte der Richter in seiner Begründung.

Von Matthias Haaß

Quelle: HNA

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