Feines Garn für die Füße

Frühjahr 1950: Bei der Ergee wurden die ersten Strümpfe produziert

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Neueste Technik aus den USA: Die Aufnahme aus dem Jahr 1950 zeigt eine Cottonstrick-Maschine, die extra aus Amerika nach Neustadt geordert wurden. Eine der Maschinen war insgesamt etwa 18 Meter lang.

Neustadt/Schwalm. Ludwig Dippel ist gebürtiger Neustädter. Ebenso wie der 83-Jährige mit seiner Stadt verbunden ist, ist es auch die Geschichte der Ergee-Werke.

Von 1950 bis vor knapp 20 Jahren war der Betrieb das Vorzeigeunternehmen in der Stadt, beschäftigte in der Spitze 1500 Menschen, darunter viele Schwälmer. Dippel kennt die Geschichte und die Geschichten um die Ergee wie kaum ein anderer, ein großes Fotoarchiv dokumentiert die Blütezeit des Betriebes. Für das einstige Ackerbauer-Städtchen, das nach dem Krieg durch viele Flüchtlinge rasch auf 4000 Einwohner wuchs, ein Segen. „Es war ja jeder froh, Arbeit zu bekommen“, sagt Dippel.

Der Kfz-Meister, der später einen eigenen Betrieb gründete, erinnert sich genau: „Anfang der 1950er-Jahre habe ich viele Sachsen in Herleshausen abgeholt, die in Neustadt arbeiten sollten.“ Ergee habe sich dank des Bürgermeisters Kurt Kuhn rasch etabliert. Der Betrieb konnte stetig wachsen. Unter anderem, weil Ergee die einstige staatliche Siedlung Steimbel, die vor dem Krieg Arbeiter einer Stadtallendorfer Munitionsfabrik beherbergte, kaufen konnte.

Steimbelsiedlung: Vor dem Krieg waren hier Mitarbeiter der Stadtallendorfer Munitionsfabrik unter gebracht, später kaufte Ergee das Gelände.

Auf dem Gelände entstand ein weiteres Werksgebäude. Dank des Marshall-Plans – dem Wirtschaftswiederaufbauprogramm der USA – konnten große Cottonstrickmaschinen aus Amerika gekauft werden. „Amerikanische Soldaten lieferten die am Neustädter Bahnhof an“, erzählt Ludwig Dippel. Der Bedarf an Strümpfen wuchs nach dem Krieg nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa: „Nach der schlechten Zeit lechzte die Damenwelt nach feinen Strümpfen“, sagt der 83-Jährige.

Schon damals sei, auch um die teuren Maschinen auszulasten, in drei Schichten gearbeitet worden. Der Bedarf an Arbeitskräften war in der Region bald erschöpft. Spanier, Portugiesen und türkische Mitarbeiter unterstützten die Belegschaft. „Viele haben sich in die Stadt integriert und sind geblieben“, weiß Dippel. Zeitweilig seien auch Letten beschäftigt gewesen, die in Standorte nach Australien und in die USA weiter geschickt wurden.

Ludwig Dippel

Das plötzliche Aus des großen Strumpfherstellers kam in Neustadt am 31. Mai 1995: „Man spürte in der Stadt schon länger, dass da was schief läuft. Aber das Werk wurde dann doch sehr plötzlich geschlossen“, erklärt der Neustädter. Die Arbeiter hätten es zunächst nicht begreifen können. „Es gab sogar einen Protestzug zum Rathaus“, erinnert sich Dippel. Warum das Werk schloss, kann Dippel nur vermuten. „Die dritte Generation hat zu viel Geld aus dem Betrieb gezogen.“ Kein Mensch habe sich danach um die Auflösung der Firma gekümmert. Teile der Fabrik wurden nach und nach abgebrochen, einige stehen noch –auf dem Areal steht heute ein Einkaufszentrum. Ergee sei eng mit Neustadt verbunden, sagt Dippel: „Man sprach in Hochachtung von der Ergee.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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