Kreisbrandinspektor Werner Bähr über Katastrophen-Pläne und Einsatzorganisation

Feste Regeln für Großeinsätze

Werner Bähr

Die Brandkatastrophe in einer Behindertenwerkstatt in Titisee/Neustadt hat die Menschen aufgewühlt. Über den Brandschutz in solchen Einrichtungen sprachen wir mit Kreisbrandinspektor Werner Bähr.

Was ist Ihnen durch den Kopf geschossen, als Sie die Bilder von der Katastrophe in Titisee/Neustadt gesehen haben?

Bähr: Ich habe die Ereignisse natürlich aufmerksam verfolgt und habe an unsere Einrichtungen gedacht. Im Landkreis gibt es zwei Gefahrenverhütungsbeauftragte, die sich um den Brandschutz in Krankenhäusern, Behinderten-Einrichtungen, Altenheimen und Versammlungsräumen kümmern.

Gab es auch hier schon Einsätze in Behinderten-Einrichtungen?

Bähr: Wir hatten vor einigen Jahren einen kleineren Brand in den Behindertenwerkstätten in Wabern, und in Hephata ist ein Gewächshaus ausgebrannt, das als Lager genutzt wurde. Das waren aber Einsätze, bei denen keine Menschen betroffen waren.

Wie laufen die Einsätze in solchen Fällen ab?

Bähr: Die Gebäude haben immer eine Brandmeldeanlage. Wenn es eine Alarmierung gibt, wird üblicherweise die höchste Alarmstufe ausgerufen. Je nach Einsatzort werden weitere Kräfte hinzugerufen. Für jede Einrichtung sind ortsspezifisch Einsatzpläne bei der Leitstelle hinterlegt.

Wie wird beurteilt, welche Größenordnung ein Einsatz haben muss?

Bähr: Entscheidend sind die Einsatzstichworte, die von den Mitarbeitern der Leitstelle abgefragt werden. Wenn beispielsweise ein Feuer in einem Krankenhaus gemeldet wird, läuft ein spezieller Automatismus ab, bei dem eine größere Zahl an Einsatzkräften, Fahrzeugen und Rettungsdiensten alarmiert wird.

Die Mitarbeiter der Leitstelle haben also große Verantwortung?

Bähr: Große Verantwortung, ja. Entscheidend ist, dass die Leitstelle die Einsatzumstände richtig abfragt.

Worauf muss beim Brandschutz in Behinderten-Einrichtungen geachtet werden?

Bähr: Wichtig ist der vorbeugende Brandschutz. Für Rettungseinsätze sind als Fluchtwege unter anderem breite Treppen nötig, wo sich Flüchtende und Rettungskräfte begegnen können. Eine Selbstrettung muss möglich sein. Die Feuerwehrleute können bei einer Vielzahl an Bewohnern nicht alle aus dem Gebäude tragen.

Gibt es regelmäßig Übungen?

Bähr: Es gibt Begehungen und Besichtigungen durch die Feuerwehren, um sich ein Bild von den Räumen und Fluchtwegen zu verschaffen. Die Einrichtungen sind verpflichtet, Übungen mit den Feuerwehren abzuhalten.

Stehen Ihnen für solche Einsätze genügend Leute und die erforderliche Technik zur Verfügung?

Bähr: Wir alarmieren so großzügig, dass nach menschlichem Ermessen genügend Leute da sein müssten. Es ist besser, mal mehr Helfer am Einsatzort zu haben als zu wenige. Drehleitern und Atemschutzgeräte sind ausreichend vorhanden. Der Stand an Technik und Ausbildung ist derzeit ausreichend.

In Titisee/Neustadt hat das alles trotzdem nicht gereicht. Woran könnte das gelegen haben?

Bähr: Das ist schwer zu sagen. Es muss nur ein Treppenhaus verraucht sein, weil eine Tür sich nicht öffnen lässt, dann passiert so etwas. Was ich in den Nachrichten über die Gefährlichkeit des Brandrauches vermisst habe, war ein Hinweis auf den Schutz durch Rauchmelder.

Aber die sind in solchen Häusern doch sowieso vorgeschrieben – oder?

Bähr: In solchen Einrichtungen ja, aber in Privathäusern noch nicht. Da werden sie erst 2014 verbindlich.

Bei der Katastrophe im Schwarzwald hat sich der Rauch extrem schnell ausgebreitet. Woran könnte das gelegen haben?

Bähr: Vielleicht hat sich irgendwo ein Schwelbrand gebildet und ist dann durchgezündet. Dabei kann es auch eine Explosion geben. Aber das ist nur Spekulation.

Wie reagieren Sie im Schwalm-Eder-Kreis jetzt auf diese Katastrophe?

Bähr: Wenn es Erkenntnisse über die Ursache gibt, werden wir das auf jeden Fall besprechen. Für Samstag ist ein Treffen von Gemeinde- und Stadtbrandinspektoren geplant. Auch da wird es Thema sein.

Angeblich gibt es keine speziellen Brandschutzvorschriften für Behinderten-Einrichtungen. Ist das richtig?

Bähr: Das ist so, aber es gibt Vorschriften für Gebäude besonderer Art und Nutzung, wie etwa Krankenhäuser, Schulen, Altenheime und Behinderten-Einrichtungen.

Reicht das aus?

Bähr: In der Vergangenheit hat das immer ausgereicht. Es ist aber festzustellen, dass die Politik möglichst wenig Regulierung möchte. Früher mussten in den Schulen die Rettungswege völlig frei gehalten werden, heute darf man schon Geräte wie beispielsweise Kopierer dort aufstellen. Das halte ich für sehr bedenklich.

Wie wird im Landkreis dafür gesorgt, dass die Vorschriften eingehalten werden?

Bähr: Bauaufsicht und Brandschutzdienst müssen das gemeinsam überwachen. Im Schwalm-Eder-Kreis arbeiten beide Stellen eng zusammen. Archiv-Foto: Wagner

Von Heinz Rohde

Quelle: HNA

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