Brief aus dem Jahr 2005

Flaschenpost sorgt nach 16 Jahren für Trubel: Naumburger „Medels“ plötzlich sehr bekannt

Erinnern sich noch an den Urlaub 2005, aber nicht an die Flaschenpost: (Von links) die Schwestern Mirka und Sina Nasemann mit Cousine Johanna Schwarz (Draude) und deren Tochter Frida. Rechts die Co-Sprecherin des Naumburger Partnerschaftskomitees, Hille Werner.
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Erinnern sich noch an den Urlaub 2005, aber nicht an die Flaschenpost: (Von links) die Schwestern Mirka und Sina Nasemann mit Cousine Johanna Schwarz (Draude) und deren Tochter Frida. Rechts die Co-Sprecherin des Naumburger Partnerschaftskomitees, Hille Werner.

Eine Flasche, die am Samstag in der Donau gefunden wurde, sorgt aktuell in Ungarn für einigen Trubel. Sie war vor 16 Jahren von drei Naumburger Mädchen in den Fluss geworfen worden.

Naumburg - Johanna Schwarz und ihre beiden Cousinen Sina und Mirka Nasemann haben innerhalb weniger Tage einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreicht im ungarischen Komárom, der Partnerstadt Naumburgs, gut 1000 Kilometer entfernt von der Stadt an der kleinen Elbe.

Aber auch im übrigen Land spricht man über das Trio. Der Grund ist eine Flaschenpost, die sie als Mädchen einst zu Wasser gelassen haben. Bei einer Müllsammelaktion rund um die Szöny-Insel in der Donau wurde die handgeschriebene Nachricht, die in eine grüne Plastikflasche gestopft worden war, durch Zufall entdeckt.

Dávid Fehérvári, der die deutsche Sprache ganz gut beherrscht, hat die Flasche aufgeschnitten, das Blatt Papier herausgezogen und im Kreise der Aktivisten, die an diesem Tag Müll aus der Landschaft fischten, die handgeschriebene Nachricht vorgelesen. „Dies ist eine Flaschenpost“, stand da auf kariertem Papier.

Flaschenpost von drei Naumburger Mädchen: Truppe von Müllsammler wurde neugierig

Und weiter, etwas holprig: „Im Jahr 2005 ist diese Flaschenpost entstanden. Wir schreiben aus Ungarn, dort machen wir Urlaub um genau zu sagen Komarom das ist die Partnerschaft von Naumburg.“ Und dann ist auch noch notiert, welche drei „Medels“ die Nachricht verfasst haben: Johanna, 13 Jahre, Sina, 8 Jahre und Mirka, 3 Jahre. Schließlich der Hinweis: „Wir kommen aus Naumburg bei Kassel, Ciau“. Und auch noch eine Aufforderung als Postskriptum: „Schreibt doch auch mal eine“.

Das hat die Truppe der Müllsammler dann doch mächtig neugierig gemacht, schließlich war es der erste Brief dieser Art, den man bei den Sammelaktionen aus dem Donauwasser gezogen hat. Das Stichwort Naumburg reichte aus, um zu wissen, wo man mehr über die Absender der Flaschenpost herausfinden könnte. Seit 29 Jahren gibt es die Städtepartnerschaft zwischen Komárom und Naumburg, und es gibt in beiden Orten jeweils ein Komitee, das für die Partnerschaft zuständig ist.

Flaschenpost von drei Naumburgerinnen: Eine Absenderin ist mittlerweile verheiratet und zweifache Mutter

So schlug dann auch schon kurz nach 20 Uhr bei Hille Werner in Naumburg die Nachricht von der aufgefundenen Flaschenpost auf, mit Bild des Briefes und der Bitte, doch bei der Identifizierung der Mädchen zu helfen. Bei der Co-Sprecherin des Komitees war man genau richtig: „Innerhalb von acht Minuten wusste ich, wer die drei sind“, sagt Hille Werner: Johanna Schwarz, damals hieß sie noch Draude, inzwischen 26 Jahre alt, verheiratet und zweifache Mutter. Sie schrieb damals den Text.

Außerdem ihre Cousinen Sina (24) und Mirka (19) Nasemann, die in Altenstädt zuhause sind. Nachdem geklärt war, dass die Mail-Adresse von Johanna Schwarz an die Ungarn weitergegeben werden darf, kam es am Abend zu einem regen Informationsaustausch.

Flott zu Papier gebracht: Die damals 13 Jahre alte Johanna Draude schrieb den Brief.

Drei Mädchen verfassten Text: „Wir haben da bestimmt öfter mal eine Flaschenpost in die Donau geworfen“

So erfuhr dann Dávid Fehérvári aus erster Hand, dass Familie Draude seinerzeit nahezu jeden Urlaub im eigenen Ferienhaus in Monostar, einem Stadtteil Komároms, verbracht hat. Bis zur Donau, wo die Kinder bevorzugt spielten, waren es keine 800 Meter. 2005, als die Flaschenpost geschrieben wurde, waren auch die Nasemanns während der Sommerferien gemeinsam mit der Verwandtschaft dort, angereist mit einem Wohnmobil.

So manche Anekdote aus dem Urlaub werde heute noch in der Familie erzählt, sagt Johanna Schwarz. Auch Geschichten, wie die, als ihrem Opa in Komárom der neue Audi geklaut wurde. „Aber nichts über eine Flasche.“ Ihren Cousinen geht es da genauso. „Wir haben da bestimmt öfter mal eine Flaschenpost in die Donau geworfen“, sagt die 29-jährige Schwarz.

Flaschenpost von drei Naumburgerinnen: Müllsammler sagen altem Plastik den Kampf an

„In Ungarn gab es ja nur Plastikflaschen, immer diese großen 1,5-Liter-Dinger.“ Die Ausgewählte hat jedenfalls 16 Jahre dichtgehalten. Etwas erschreckend sei es schon, dass die all die Jahre offenbar unkaputtbar in der Donau dümpelte. Schwarz: „Das Plastik kommt da nicht weg. Und an der Donau sieht es auch oft aus wie Sau.“

Das ist auch der Grund, warum sich im vergangenen Jahr der Verein KÖSZ gegründet hat, wie dessen Vorsitzender, Dávid Fehérvári, erklärt. Ziel sei es auch, ein stärkeres Bewusstsein für die Problematik der Vermüllung zu schaffen. KÖSZ sei ein Zusammenschluss freiwilliger Müllsammler.

Gespannt: David Fehérvári schneidet nach der Entdeckung die Plastikflasche auf, um den Brief zu entnehmen.

Flaschenpost von drei Naumburgerinnen:Was nun wohl mit Brief und Flasche passieren wird?

Am Samstag, als sie die Flaschenpost gut zwölf Kilometer vom Ferienhaus der Draudes entfernt donauabwärts fanden, beteiligten sich 50 Menschen an der Sammelaktion. 50 Säcke mit Abfällen kamen zusammen. „Das Hochwasser der Donau macht es notwendig, einmal im Jahr eine Müllsammelaktion zu organisieren“, sagt Fehérvári. Die Aufmerksamkeit, die der Fund der Flaschenpost erregt, kommt dem Verein nicht ungelegen.

Die Anfragen aus Ungarn findet Johanna Schwarz jedenfalls „ganz spannend“. Dort sei der Fund „ein Riesending, alle berichten darüber. Zeitungen, Fernsehen. Da wird man ja richtig zu einem Promi“, sagt sie gut gelaunt.

Was nun wohl mit Brief und Flasche passieren wird? Darüber wird Hille Werner im Dezember berichten können. Für eine knappe Woche wird sie mit dem harten Kern des Naumburger Komitees wie jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit zu den Freunden nach Komárom fahren. Im Büro des dortigen Bürgermeisters gebe es eine Vitrine, in der Gegenstände aus der Geschichte der Städtepartnerschaft aufbewahrt und ausgestellt sind. „Mal sehen, ob da auch die Flaschenpost reinkommt.“

Im Februar 2020 hat die Schülerin Sharon Wolf beim Spaziergang an der Eder ebenfalls eine alte Flaschenpost entdeckt. Sie las die Nachricht - und machte sich auf die Suche nach dem Absender. (Norbert Müller)

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