33. Willingshäuser Stipendiatin Julia Charlotte Richter stellte ihr Videoprojekt vor

Fliegen und das Nest verlassen

Willingshausen. Julia Charlotte Richter reiht sich als 33. Stipendiatin in die Riege der jungen Willingshäuser Künstler ein. Am Donnerstag wurde ihre Ausstellung in der Kunsthalle vor großem Publikum eröffnet. Die Gießenerin ist die erste Stipendiatin, die ein Videoprojekt realisierte. Auf der Leinwand fanden sich viele Willingshäuser wieder: die Mitglieder des Männergesangvereins und die achtjährige Lisa Dickel.

Vom Fliegenlernen – Titel der Ausstellung ist „Learning to fly“ – erzählte Kurator Bernhard Balkenhol. In den drei miteinander korrespondierenden Videos habe sich Julia Charlotte Richter mit dem Erwachsenwerden, dem Heranwachsen, dem „Groß werden“ beschäftigt und ihre Fragen und Interessen nach Willingshausen mitgenommen.

An den Männergesangsverein Willingshausen trat die Stipendiatin mit der Bitte heran, das Lied „Learning to Fly“ von Tom Petty einzustudieren. „Flügel wachsen lassen, Fliegen lernen, das Nest verlassen, mit Abstürzen kämpfen, weiter fliegen, das sind sehr deutlich Bewegungen in das Erwachsen werden“, erläuterte Balkenhol.

Wünsche und Ängste

Das Video zeigt den Chor später in seiner gewohnten Übungsstätte, dem Gemeinschaftsraum im Reutern-Haus, wo sie das Lied in der für sie ungewohnten englischen Sprache einstudieren. Parallel dazu hat Richter mit 16-jährigen Schülern der Melanchthonschule Steinatal Interviews geführt, in denen Vorstellungen, Wünsche und Ängste thematisiert wurden. Die Künstlerin fing die Stimmung der Heranwachsenden ein, auch ihre Herkunft und deren Sicht der aktuellen gesellschaftlichen Situation. Später findet man die Schüler in einem kalten, spätherbstlichen und faszinierenden Wald auf der Suche nach etwas, das sie nicht finden.

Rotkäppchenland

In Literatur und Film stehe der Eintritt in einen Wald oftmals als Beginn einer adoleszenten Entwicklung, sagte Balkenhol. Weggabelungen, an denen Entscheidungen getroffen werden müssten, das plötzliche Auf-sich-allein-gestellt-sein, die Konfrontation mit dichtem Gestrüpp - hier symbolisiere der Wald einen Ort der Suche. Einen Ort, wo man auch fündig werden kann. Die Äußerungen der Schüler sind als stumme Untertitel in das Video eingeflossen. Sie illustrieren die Bilder im Wald, färben die Szene ein, führen aber auch zu Reibungen.

Im dritten Video beschäftigt sich Richter mit der Schwalm und dem touristisch vermarkteten Begriff „Rotkäppchenland“. „Vielleicht boten die Wälder und nicht zuletzt die Tracht mit dem roten Käppchen die Inspiration für das Märchen der Gebrüder Grimm.

Tatsächlich ist die Geschichte aber viel älter und ist in einer Version überliefert, die sich in einigen Punkten wesentlich von der Grimmschen Geschichte unterscheidet - und kein gutes Ende nimmt“, erklärte der Kurator. Im Video „Das kleine Rotkäppchen“ erzählt Lisa Dickel aus Willingshausen eine ungewöhnliche und grausame französische Fassung des Märchens.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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