Auf der Flucht gen Westen: Martin Hentschker berichtet aus seinem Leben

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Auf den Spuren der Flüchtlinge: Martin Hentschker mit einer Landkarte von seiner Heimat Schlesien.

Melsungen. Eine Landkarte von seiner alten Heimat Schlesien hat er noch, sonst bleibt ihm nur die Erinnerung: Martin Hentschker floh 1945 von Schlesien nach Wabern-Harle. Das Schicksal der Flüchtlinge aus Schlesien liegt ihm bis heute besonders am Herzen.

Der Zweite Weltkrieg begann im September vor 75 Jahren: Millionen Deutsche - Frauen, Kinder und alte Menschen flohen zum Ende des Krieges hin aus ihrer Heimat in Schlesien oder den deutschen Ostgebieten. Einer von ihnen war Martin Hentschker, der heute in Melsungen lebt.

Im Gespräch mit der HNA erzählt er seine Geschichte: Hentschker wurde 1936 in Sonnenberg in Oberschlesien geboren, dort verbrachte er seine Kindheit. Als im Winter 1944 die russische Armee immer weiter vorrückte, beschloss seine Familie zu fliehen. "Wir hatten schon mehrere Monate alles für die Flucht gepackt", erzählt Hentschker. In einer Februarnacht im Jahr 1945, war es dann so weit, der damals acht Jährige floh zusammen mit seinem elf Jährigen Bruder und seiner Mutter. Der Vater war bereits 1943 in der Rüstungsindustrie tödlich verunglückt. Gemeinsam mit 180 Personen brachen sie zu Fuß und mit Planwagen in Richtung Westen auf.

Bei Schnee und Eis unterwegs

Die Flüchtlinge marschierten im Winter 1945 etwa 500 Kilometer durch das Sudetengebirge. Kinder und Alte durften auf den mit Lebensmitteln bepackten Planwagen mitfahren, alle anderen mussten laufen. Während ihrer Flucht kamen die Flüchtlinge durch viele Dörfer, in denen sie Obdach in Scheunen suchten. In jedem Dorf gab es eine Treckstelle für Flüchtlinge, diese gab Auskunft, ob der Ort noch Schlafplätze hatte.

"Wenn es keinen Platz mehr gab, mussten wir auch mitten in der Nacht bis zum nächstem Ort weiterlaufen", erinnert sich der 77-Jährige.

In Labant, einem kleinen, tschechischen Ort kurz vor der bayerischen Grenze, wurden die Flüchtlinge ein Jahr lang festgehalten. "Wir hatten ständig Hunger", erzählt er, "dann sind wir durch die Dörfer gezogen, haben gebettelt und wir haben Äpfel von Bäumen geklaut."

Im März 1946 wurden die Flüchtlinge ausgewiesen. Von Labant kamen Hentschker und seine Familie nach Harle. Die nur noch 107 Flüchtlinge wurden dort herzlich aufgenommen. "Jede der Familien im Ort musste Flüchtlinge aufnehmen", berichtet Hentschker. Manche hätten dass gerne, manche weniger gerne gemacht, sagt Hentschker. In Nordhessen angekommen, musste er sich erst einmal an die nordhessische Mundart, das "Gemähre", gewöhnen, welches er als schlesischer Junge nicht verstand.

Seit 1957 lebt Hentschker nun in Melsungen und isst, wie viele Nordhessen, sehr gerne ahle Wurscht. "Jetzt habe ich drei Heimaten", erklärt Hentschker, "Schlesien, Harle und Melsungen."

Von Lena Werner

Quelle: HNA

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