"Ein dickes Fell muss man haben"

Arbeit in der Psychiatrie in Merxhausen: Ein Pfleger berichtet

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Arbeitet mit heranwachsenden Straftätern: Christian Beilstein (39) ist Krankenpfleger in der forensischen Klinik in Merxhausen und spricht über seine tägliche Arbeit mit suchterkrankten Straftätern.

Merxhausen. Er ist Krankenpfleger in der forensischen Klinik in Merxhausen. Christian Beilstein sprach mit uns über gebrochene Persönlichkeiten, heranwachsende Straftäter und Therapieverweigerer.

Herr Beilstein, Sie waren viele Jahre als Krankenpfleger im Sanitätsdienst tätig. Inwiefern unterscheidet sich ihre jetzige Arbeit in der forensischen Klinik von ihrer früheren Tätigkeit?

Christian Beilstein: Man kann sagen, dass meine Arbeit hier nichts mehr mit dem typischen Pflegeberuf zutun hat. Es ähnelt eher einer sozial therapeutischen Arbeit, weil wir unsere Patienten nicht im gewohnten Sinn pflegen, sondern ihnen Strukturen zeigen.

Was genau verstehen Sie unter Strukturen aufzeigen?

Beilstein: Es ist eher etwas Erzieherisches, denn die meisten meiner Patienten haben vorher nie einen strukturierten Alltag kennengelernt und kommen aus gebrochenen Familien. Das heißt, wir begleiten sie bei der Haushaltsführung, führen Gruppentherapien und helfen bei der Schultherapie.

In ihrer Abteilung sind ausschließlich heranwachsende Straftäter untergebracht. Welche Therapieformen werden für sie speziell angeboten?

Christian Beilstein: Unsere Patienten haben die Möglichkeit, ihren Schulabschluss nachzuholen. Das ist für einige eine harte Aufgabe und bietet einen straffen Ablauf -bedenkt man, dass viele von ihnen eine Schule von innen zuletzt in der sechsten Klasse gesehen haben. Außerdem gibt es eine Arbeits- und Sporttherapie sowie freiwillige Musik- und Kunsttherapien.

Sie reden von einem straffen Tagesablauf der Patienten. In der Öffentlichkeit gibt es oft Vorurteile, dass Insassen im Maßregelvollzug wie in einem Hotel leben. Was sagen Sie dazu?

Beilstein: Eher ein Internat. Für jeden Patienten gibt es ein spezielles Programm. Es beginnt um 6.30 Uhr und endet meist um 17 Uhr. Zudem müssen die Patienten im Wechsel den Haushalt planen sowie an ihren täglichen Einzel- und Gruppentherapien teilnehmen. Summiert gibt es kaum Freizeit.

Die Patienten haben aber auch das Recht, eine Therapie zu verweigern. Wie viele nutzen diese Möglichkeit?

Beilstein: Es kommt immer mal wieder vor. Da sind wir aber gefragt, herauszufinden, warum ein Patient die Therapie verweigert. Meist können wir in Einzelgesprächen den Patienten doch noch zum Umdenken bringen.

Was ist, wenn auch die Einzeltherapien nicht anschlagen?

Beilstein: Wenn nicht, haben wir eine Rückverlegestation mit neun Betten. Dort prüfen wir innerhalb eines Monats, ob der Patient für unsere Therapien doch noch geeignet ist. Wenn Patienten nicht mitmachen, geht es zurück in die JVA. Dort müssen sie ihre komplette Haftstrafe absitzen. Hier haben sie die Möglichkeit, sich einige Jahre zu ersparen, das machen wir ihnen aber immer wieder klar.

Sie bekommen jeweils einen bis zwei Patienten zugeteilt, sind deren Ansprechpartner und wissen über Straftaten oft bis ins Detail Bescheid. Können Sie ihren Arbeitsalltag einfach so nach Feierabend vergessen?

Beilstein: Inzwischen habe ich mir persönlich angewöhnt, Arbeit Arbeit sein zu lassen. In meiner Freizeit rede ich ungern über meine Arbeit und kann dann gut abschalten.

Wie verhält es sich mit der Beziehung zum Patienten? Was ist, wenn Ihnen grausame Einzelheiten von Straftaten geschildert werden?

Beilstein: Bevor ein Patient zu uns kommt, haben wir Einsicht in die Gerichtsakte. Ich persönlich lese diese im Vorfeld ungern, denn ich will den Patienten ohne Vorurteil kennenlernen.

Gab es einen Patienten, von dem sich Ihr Bild stark von dem in der Gerichtsakte unterschied?

Christian Beilstein: Ja. Einmal musste ich wirklich schlucken, weil mein Patient eigentlich sehr sozial im Umgang war. Die Gerichtsakte ließ aber tief blicken, womit ich definitiv nicht gerechnet habe.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Beilstein:Im Notfall können wir Patienten an andere Mitarbeiter abgeben. Man muss aber auch einfach ein dickes Fell haben.

Viele Bürger sind verunsichert, dass Insassen unbegleiteten Ausgang haben. Wie denken Sie darüber?

Beilstein: Ich versuche immer darauf aufmerksam zu machen, dass Patienten erst nach einer bestimmten Zeit raus dürfen, wenn sie nämlich bestimmte Therapien erfolgreich abgeschlossen haben. Wie so oft gibt es aber nie hundertprozentige Sicherheit.

Weitere Informationen über die forensische Psychiatrie Bad Emstal finden Sie hier

Hier befindet sich die forensische Klinik:

Quelle: HNA

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