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Hungerstreik am Flughafen Frankfurt – Teilnehmer erhebt schwere Vorwürfe

Am Flughafen Frankfurt werden drastisch Jobs gestrichen, auch 200 Wisag-Mitarbeiter müssen gehen. Diese sehen die Corona-Pandemie nur als Vorwand und beginnen einen Hungerstreik.

  • Die Wisag hat im Dezember 2020 200 Mitarbeitern im Boden- und Passagierbereich am Flughafen Frankfurt* gekündigt.
  • Wegen Klagen gegen die Kündigungen laufen derzeit Gespräche am Arbeitsgericht Frankfurt*.
  • Einige Mitarbeiter sind sogar in einen Hungerstreik getreten, um gegen ihre Entlassung zu protestieren.

Update von Montag, 08.03.2021, 13.45 Uhr: Im Dezember 2020 wurden am Flughafen Frankfurt 200 Mitarbeiter der Firma Wisag entlassen. Die Wisag Tochterunnehmen Ground Service Frankfurt sowie Passage Service Frankfurt sind dort für die Be- und Entladung von Flugzeugen und den Passagierservice zuständig. Einige der gekündigten Mitarbeitenden veranstalteten in der vergangenen Woche einen Hungerstreik im Terminal 1, Halle A des Frankfurter Flughafens, um gegen ihre Entlassung zu protestieren. Sie werfen der Firma Wisag vor, die Corona-Pandemie werde nur als Vorwand genutzt, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit alten Arbeitsverträgen „loszuwerden“ und sie durch „billigere Kräfte“ von Leiharbeitsfirmen zu ersetzen. Das berichtet ein Betroffener unserer Redaktion. Bis zur Entlassung am 17. Dezember 2020 hatte er bereits mehr als 20 Jahre für die Wisag gearbeitet.

Infolge unserer Berichterstattung wandte sich der entlassene Wisag-Mitarbeiter mit seiner Kritik an unsere Redaktion. Der Mann berichtet, dass der Hungerstreik vom 24. Februar bis zum 3. März andauerte, bis er aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen werden musste. Der Streik am Frankfurter Flughafen sei zunächst von fünf ehemaligen Kollegen begonnen worden, er selbst sei daraufhin immer zur Unterstützung dabei gewesen.

Hungerstreik am Flughafen Frankfurt: Wisag-Mitarbeiter beklagt Transparenz

Die Wisag betonte in einer Pressemitteilung, dass sie den betroffenen Angestellten im November 2020 einen Sozialplan angeboten habe, „um die Folgen der Kündigung im Rahmen des Möglichen abzumildern“. Dieser sei vom Betriebsrat der beiden Gesellschaften abgelehnt worden. Der Mann berichtet nun, die entlassenen Mitarbeiter hätten weder über den Betriebsrat, noch über die Gewerkschaft Ver.di je von diesem Sozialplan erfahren. Stattdessen sollen den Entlassenen nach jahrzehntelanger Arbeit lediglich Abfindungen zwischen 3500 und 4000 Euro angeboten worden sein. „Ein Witz“, sagt Gekündigte.

Ein Flugzeug der Lufthansa wird auf dem Vorfeld betankt. Am Flughafen Frankfurt ist die Corona-Krise besonders deutlich zu spüren. (Archivbild)

Der Mitarbeiter beklagt zudem, dass es keinerlei Gespräche zwischen der Wisag-Geschäftsführung und den entlassenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegeben habe. „Wir Mitarbeiter mussten diesen Weg zum Hungerstreik gehen, weil Firmeninhaber Claus Wisser sich nach sieben Demonstrationen nicht ein einziges Mal an uns gerichtet hat“, erklärt der ehemalige Mitarbeiter weiter. Die Industriegewerkschaft für Arbeitnehmer im Luftverkehr (IGL) habe sich nicht von dem Hungerstreik der einzelnen Wisag-Mitarbeiter distanziert, sie aber auch nicht zu diesem Schritt ermutigt.

Flughafen Frankfurt streicht Jobs: Wisag-Mitarbeiter treten in Hungerstreik

Erstmeldung von Freitag, 05.03.2021: Frankfurt – Zunächst war es ein Gerücht: Wisag-Mitarbeiter seien am Flughafen Frankfurt in einen Hungerstreik getreten, ist im Internet zu lesen. Die Wisag Tochterunnehmen Ground Service Frankfurt sowie Passage Service Frankfurt beschäftigen nach Angaben der Wisag am Flughafen Frankfurt aktuell rund 850 Mitarbeiter. Sie sind für die Be- und Entladung von Flugzeugen und den Passagierservice zuständig.

Im Dezember 2020 wurden dann 200 Angestellte entlassen. Die Begründung der Wisag: der Einbruch der Flug- und Passagierzahlen durch die Corona-Krise und der daraus folgende „stark verminderte Bedarf nach Bodendienstleistungen aller Art“. Kündigungen, die anscheinend nicht einfach hingenommen werden.

Hungerstreik am Flughafen Frankfurt: Wisag-Mitarbeiter protestieren gegen Kündigung

In einigen Berichten heißt es, einige dieser gekündigten Mitarbeitenden vom Flughafen Frankfurt befinden sich derzeit in einem Hungerstreik, um gegen ihre Entlassung zu protestieren. Die Wisag hat nun auf Anfrage bestätigt, dass es einen Hungerstreik gegeben hat. Allerdings sei er mittlerweile aufgehoben. Er sei „zwischenzeitlich glücklicherweise beendet“ worden, heißt es in einer Pressemitteilung.

Die Wisag ist bemüht zu betonen, dass sie den betroffenen Angestellten im November 2020 einen Sozialplan angeboten habe, „um die Folgen der Kündigung* im Rahmen des Möglichen abzumildern“. Dieser sei vom Betriebsrat der beiden Gesellschaften abgelehnt worden. Seit Montag (23.02.2021) finden deshalb für zwei Wochen mehrere Gütetermine am Arbeitsgericht Frankfurt statt, um zu einer Einigung mit den klagenden Gekündigten vom Flughafen Frankfurt zu kommen, teilt Wisag mit. Bisher verliefen die Gespräche am Arbeitsgericht nach Einschätzung des Unternehmens „konstruktiv“.

Hungerstreik am Flughafen Frankfurt: Wisag kritisiert diese Aktion

Sieben Wisag-Mitarbeitende sind nach Angaben des Betriebsrats in den Hungerstreik getreten. Ob der Streik nach aktuellem Stand beendet ist, ist vonseiten des Betriebsrats noch unbestätigt, da die Antwort auf eine entsprechende Anfrage aussteht. Begonnen habe der Streik am Mittwoch (24.02.2021), wie die Offenbach-Post berichtet. Der Protest richte sich auch gegen „Ungleichbehandlung“, die die Wisag-Mitarbeiter erfahren würden. Laut dem Bericht der Offenbach-Post beklagen sie, dass Lufthansa und Fraport staatliche Hilfen bekämen, um Jobs zu sichern, private Unternehmen aber nicht. Die Betroffenen sähen sich als Opfer der Corona-Pandemie, weil ihre Jobs vor der Krise als sicher gegolten hätten.

Kritik äußert die Wisag nicht nur an dem Hungerstreik an sich, sondern auch an der Industriegewerkschaft für Arbeitnehmer im Luftverkehr (IGL). Sie habe sich nicht vom „Hungerstreik einzelner Wisag-Mitarbeiter am Flughafen Frankfurt zur Untermauerung ihrer Forderungen“ distanziert. Das sei völlig unverhältnismäßig, lautet die Einschätzung der Wisag.

„Anstatt die laufenden Verhandlungen abzuwarten, riskiert die IGL mitten in der Corona-Pandemie leichtfertig und ohne Grund die Gesundheit von Menschen. Diese Maßnahme ist maßlos und verantwortungslos“, betont Michael Dietrich, Geschäftsführer der Wisag Ground Service Frankfurt. „Zur Lösung eines Konfliktes über die Rechtmäßigkeit von Kündigungen sieht unsere Rechtsordnung schließlich geordnete gerichtliche Verfahren vor, die nun durchgeführt werden.“

Ein Flugzeug wird auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens beladen. Am größten deutschen Drehkreuz ist die Corona-Krise besonders deutlich zu spüren. (Archivbild)

Corona-Krise am Flughafen Frankfurt: Nicht nur Wisag betroffen

 
Einen Hungerstreik sieht die Wisag als eine falsche Art des Protests. Ein Hungerstreik sei darauf ausgerichtet, „ein Unternehmen von einem grundsätzlich rechtmäßigen Handeln, nämlich der Umsetzung einer für dringend notwendig erachteten Restrukturierungsmaßnahme“ abzuhalten. „Schließlich geht es hierbei auch um die Sicherung der verbleibenden Arbeitsplätze, was nicht in Vergessenheit geraten sollte“, heißt es in der Pressemitteilung.

Nicht nur die Wisag hat mit den Folgen der Corona-Krise zu kämpfen und verringert ihre Zahl der Mitarbeiter. Auch die Lufthansa erwartet ein weiteres schweres Corona-Jahr. In seiner Bilanz, die der Konzern am Donnerstag (04.03.2021) in Frankfurt vorgestellt hat, ist die Rede von 31.000 Entlassungen weltweit – und weitere müssten folgen, kündigte Lufthansa-Chef Carsten Spohr an. (Theresa Ricke) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Nicht zum ersten Mal kommt die Forderung auf, den Flughafen Frankfurt nach Helmut Kohl zu benennen. Jetzt erscheint der Vorschlag im Wahlprogramm der CDU – und die erntet Spott und Häme.

Rubriklistenbild: © Arne Dedert/dpa

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