Klare Botschaft bei Solidaritätsdemo

Nach Terroranschlag in Halle: Elfjähriger Frankfurter traut sich nicht mehr in die Synagoge

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900 Menschen sind gestern Morgen in die Freiherr-vom-Stein-Straße gekommen, um ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zu zeigen.

Rund 900 Menschen bekunden vor der Westend-Synagoge ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde nach dem Anschlag von Halle. Redner hatten klare Botschaften. 

Frankfurt – Polizeipräsenz, private Sicherheitskräfte, Panzerglas und Überwachungskameras: Das alles sei für jüdische Kinder beim Besuch von Kindergarten, Schule und Synagoge schon lange Normalität. Die Gefahr sei jedoch abstrakt gewesen. Bis ein Elfjähriger zufällig Gespräche darüber mitgehört habe, wie ein schwer bewaffneter Rechtsextremist am Mittwoch versuchte, in die Synagoge in Halle einzudringen, in der rund 50 Gläubige den jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. 

Und wie der 27-jährige Attentäter dann, als die Türen der Synagoge ihn aufhielten, stattdessen einen Passanten und einen Mann in einem Döner-Imbiss erschoss. Daraufhin habe sich der Elfjährige erst mal nicht mehr in die Synagoge getraut. Die Gefahr sei real geworden, erzählt Marc Grünbaum, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde.

Gedenkveranstaltung in Frankfurt: Vorwürfe gegen AfD werden laut

Wer diese Geschichte hört, versteht sofort, weshalb in seiner Rede bei einer von der Stadt Frankfurt organisierten Gedenkveranstaltung anlässlich der Geschehnisse in Halle am Sonntagmorgen nicht nur Trauer über die Opfer mitschwingt, sondern auch viel Wut. Wut darüber, dass Kinder wegen ihrer Religionszugehörigkeit Angst haben müssen. 

Dass ein solcher Anschlag möglich gewesen sei, sei eine Schande für die Politik, den Verfassungsschutz, die Bildungseinrichtungen und alle gesellschaftlich relevanten Organisationen in Deutschland. Vor allem aber ist er wütend auf die AfD. An die AfD-Parteivorsitzenden Alexander Gauland und Jörg Meuthen gerichtet ruft Grünbaum: "Schämen Sie sich für Halle." Viel lauten Applaus gibt es dafür von den Frankfurtern, die sich aus Solidarität in der Freiherr-vom-Stein-Straße versammelt haben.

900 Menschen stehen laut Einschätzung der polizeilichen Einsatzleitung am Sonntagmorgen vor der durch Betonhindernisse abgesperrten Westend-Synagoge. So voll ist es, dass viele in die umliegenden Hauseinfahrten ausweichen, Kinder auf Mülltonnen gestellt und auf Schultern gesetzt werden, damit sie etwas sehen. Es ist eine bunt gemischte Menge, den Sonntagsstaat sieht man genauso wie Sportkleidung, Senioren stehen neben Familien. 

Gedenkveranstaltung statt Gottesdienst: Frankfurt zeigt Solidarität

Obwohl viele alleine gekommen sind, finden sich schnell Grüppchen zusammen, man kennt sich oder wird einander vorgestellt. Die evangelische Kirche, die katholische Kirche, die jüdische Gemeinde, der Stadtschülerrat, der Stadtjugendring und viele weitere Organisationen hatten einen Aufruf der Stadt Frankfurt zu der Gedenkveranstaltung verbreitet.

Julia Redenius (38) steht mit zwei Kindern am Rand der Menschengruppe. "Normalerweise gehen wir Sonntagsvormittag in den Gottesdienst, aber heute sind wir aus Solidarität statt dessen hier", sagt sie. Über die katholische Gemeinde habe sie von der Veranstaltung erfahren. Armin H. Flesch (57) nimmt teil, weil "ich mir eine solche Tat wie die in Halle im Gegensatz zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sehr wohl vorstellen konnte und sie auch befürchtet habe".

Frankfurter Oberbürgermeister ruft bei Gedenkveranstaltung zum Handeln auf

Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagt mit Blick auf die Menschenmenge vor der Synagoge, er sei stolz, dass Frankfurt zusammen hält. Aber auch er sei wütend. Wütend auf "die, die uns auseinander treiben wollen". Frankfurt sei als weltoffen, tolerant und liberal bekannt. Das stimme - aber für die, die Hass sähen und antisemitisch agieren, habe man hier kein Verständnis. "Das Versprechen des 'nie wieder' zu halten, das ist jetzt an uns allen", betont Feldmann.

Konkreter in seinen Forderungen ist Marc Grünbaum. Solidaritätsbekunden täten der jüdischen Gemeinde in Frankfurt natürlich gut. Aber ein Holocaust-Leugner wie der Haller Attentäter müsse in der Schule lernen, dass die Shoa real gewesen sei. Er verlangt, künftig allen Schülern die Orte zu zeigen, an denen während des Nationalsozialismus die Massenvernichtung der Juden stattfand.

Als dritter Redner richtet Philipp Jacks vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) einen Aufruf an alle Anwesenden: "Wir müssen Mut haben, zu widersprechen bei Hassreden im Bekanntenkreis. Es geht jetzt um die Würde der Menschen und um unsere Demokratie."

Von Astrid Kopp

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle mit zwei Todesopfern hat in Frankfurt große Betroffenheit ausgelöst. Die jüdische Gemeinschaft in der Stadt fürchtet den aus ihrer Sicht wachsenden Antisemitismus. Die politische Aufarbeitung der Ereignisse hat derweil begonnen. Es dürfte hitzig werden, berichtet fnp.de.* 

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