Gutgläubigkeit ausgenutzt

Rentner um 180.000 Euro betrogen - seine Reaktion überrascht die Richterin

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Immer wieder hat ein Rentner Betrügern aus Frankfurt Geld gegeben. Sie hatten ihm vermeintliche Notlagen aufgetischt. (Symbolbild)

Betrüger erleichtern einen 70-Jährigen aus Kelkheim um über 180.000 Euro. Vor dem Amtsgericht Frankfurt reagiert das Betrugsopfer jedoch recht erstaunlich.

Frankfurt - Es gibt keine noch so absurde Notlage, für die Wilfried G. in den vergangenen Jahren nicht bezahlt hat. Doch auf der Anklagebank sitzt an diesem Mittwoch nicht die Gutgläubigkeit des 70-Jährigen aus Kelkheim, sondern die Frankfurterin Daria S. Die 31-Jährige hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass die Rücklagen des gutmütigen G. komplett aufgebraucht sind. Mehr als 180.000 Euro hat G. zwischen 2015 und 2018 für die aufgetischten Notlagen der Angeklagten und ihrer Komplizen locker gemacht.

Angefangen hat die unglückselige Verbindung im April 2015 an der Frankfurter Hauptwache. Dort stand Daria S. und verkaufte die Obdachlosenzeitung. G. zeigte sich gütig und gab fünf statt der geforderten 1,50 Euro. Die fast 40 Jahre jüngere Frau erkannte ihre Chance und ging mit dem Kelkheimer einen Kaffee trinken. Sie sei eine arme Frau und habe nicht viel, erzählte sie, was so weit stimmt. Daria S. wurde in Krefeld geboren und hat rumänische Wurzeln. Die Schule hat sie nach eigener Aussage nur ein Jahr besucht. Mit Lesen und Schreiben tue sie sich schwer, gearbeitet habe sie noch nie in ihrem Leben, bekannte sie vor Gericht. Das ist nicht strafbar, doch hätte G. gewusst, dass die Frau zum Zeitpunkt des Kennenlernens bereits eine Vielzahl von Vorstrafen wegen Betrugs, Diebstahls und Hehlerei auf dem Kerbholz hatte, wäre er vielleicht vorsichtiger mit seinem Ersparten umgegangen.

Frankfurt: Rentner um tausende Euro betrogen - Vermeintliche Notlagen aufgetischt

Stattdessen lieh er Daria, die sich ihm als Simona vorstellte, zunächst 38.000 Euro, weil sie angeblich einen Kredit für ein Haus ablösen müsse, das sie im rumänischen Temeswar geerbt habe. Ohne einen Cent davon wiedergesehen zu haben, lieh G. der jungen Frau wenige Wochen darauf 26.000 Euro, weil eine Nachbarin bezahlt werden müsse, die die Kosten für die Beerdigung der krebskranken Mutter Darias übernommen hatte. Als nächstes werden Kosten für Makler und Notar in Höhe von 17.000 Euro vorgegaukelt, und als der rumänische Zoll das Bargeld angeblich beschlagnahmt, schießt G. nochmal 15.000 Euro nach. Als Sahnehäubchen erzählt Daria alias Simona, nachdem der Kontakt für einige Monate abgerissen war, sie sei gerade aus dem Koma erwacht und müsse nun für die Rückkehr ihres Kindes kämpfen, das währenddessen zwangsadoptiert worden sei. Ein Kind, das weder Daria noch Simona hat.

Auch eine geklaute Handtasche und ein krankes Kind in der Nachbarschaft sind G. vierstellige Summen wert. Und hätte ihm S. erzählt, sie wolle amerikanische Präsidentin werden, hätte der Kelkheimer wohl auch ihren US-Wahlkampf finanziert.

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Frankfurt: Rentner mehrfach um Geld betrogen - Opfer spricht im Zeugenstand

S. räumt die Tatvorwürfe mehr oder weniger ein, auch wenn ihr Verteidiger ein wenig rumeiert. Unklar bleibt, für wie viele der 82 angeklagten Betrugsfälle S. selbst verantwortlich ist. Denn an dem solventen Rentner wollen auch andere verdienen. Nicht zuletzt ihr gesondert verfolgter Lebensgefährte Sergiu B., der sich irgendwann als Handwerker ausgibt, der von S. viel Geld zu bekommen habe. Auch dafür zahlt G., der gesagt bekommt, Daria sei zwischenzeitig an Krebs verstorben. Wer weiß, wie lange die Sache noch gelaufen wäre, hätte nicht irgendwann eine Bank eine Verdachtsanzeige wegen Geldwäsche gestellt.

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Die Motivation für all diese Zahlungen sei „eine Mischung aus Helfersyndrom und Nachlässigkeit“, sagt G. im Zeugenstand. Die Frage, ob er einsam sei, verneint der Rentner entschieden. Warum auch, seit sechs Wochen habe er ja wieder regelmäßigen Kontakt zur Angeklagten, die für G. noch lange nicht gestorben ist. Das Gericht fällt aus allen Wolken. „Ich bin Optimist, vielleicht gibt es ja neues Geld“, sagt G. und dass er der Wiederauferstandenen, deren wahren Namen er nun kennt, verziehen habe.

Schöffenrichterin Bettina Wild ist so beeindruckt, dass sie deutlich unter den vom Staatsanwalt geforderten drei Jahren und elf Monaten Freiheitsstrafe bleibt. „Ein gebrochenes Opfer, das seinem Geld hinterher weint, wäre das vielleicht wert gewesen.“ Die 31-Jährige Daria S. kommt mit einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung davon und soll 500 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Von Oliver Teutsch

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