Der französische Zwangsarbeiter Serge fand in Niedenstein eine zweite Heimat - Tochter erinnerte sich

Aus Erbfeinden wurden Freunde

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Sie wollen die Geschichte von Serge in Erinnerung rufen: Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Kultur Niedenstein organisierte die Lesung der Texte von Claudine Richaud, von links Hans Wolfram, Götz Schmidt, Elvira Friedrich, Horst Eubel, Heike Eubel, Erich Sommer, im Vordergrund Annemarie und Rainer Grunewald.

Niedenstein. Ausgehungert, entkräftet und voller Angst - so kamen im Jahr 1940 französische Zwangsarbeiter nach Niedenstein. Einer von ihnen war Serge Richaud.

Was den jungen Mann dort erwartete, wusste er nicht. Es hätte der Tod sein können, ebenso wie ein menschenunwürdiges Leben unter einem unbarmherzigen Arbeitgeber. Eines jedenfalls hatte er nicht erwartet: die Familie Grunewald in Niedenstein.

Die Geschichte, die Serge während des Krieges in Deutschland erlebte und die er seiner Familie berichtete, hat Tochter Claudine Richaud aufgeschrieben und der Arbeitsgemeinschaft für Geschichte und Kultur Niedenstein zur Verfügung gestellt. Untermalt mit Bildern und vielen persönlichen Erinnerungen von Annemarie und Rainer Grunewald, trugen jetzt Heike Eubel, Erich Sommer, Götz Schmidt, Horst Eubel und Hans Wolfram einige Texte von Claudine vor.

"Sersch", "Sersche" oder "Schersch" - unter diesem Namen war der Kriegsgefangene bekannt, der dem Schmiedemeister Wilhelm Grunewald während des 2. Weltkrieges zugeteilt worden war.

In Familie integriert

Die Familie hatte den propagierten Feind freundlich bei sich aufgenommen, ihn zu Kräften kommen lassen und in die Familie integriert. Fünf Jahre lang arbeitete er auf dem Bauernhof der Familie, half auf dem Feld und übernahm hin und wieder das Beschlagen der Pferde aus dem Ort. Dadurch war er in ganz Niedenstein bekannt. Bis heute ist der französische Zwangsarbeiter den verbleibenden Zeitzeugen in Erinnerung. So auch Heinz Heiderich, einer der rund 50 Zuhörer des Vortrages. Er erinnert sich genau an Serge und die anderen Arbeiter, denn er und seine Mutter hatten mitgeholfen, die Männer vor dem nahezu sicheren Tod zu bewahren, als sie kurz vor Kriegsende vor den Wachmännern flohen.

"() komm hierher zurück, du bist hier zu Hause", sagte Wilhelm Grunewald dem lieb gewonnen Freund zum Abschied. Es dauerte jedoch 24 Jahre, bis Serge mit seiner Familie wieder nach Deutschland kam.

Wilhelm Grunewald und seine Frau waren bereits verstorben. Doch die nachfolgenden Generationen pflegten den Kontakt. Man besuchte sich regelmäßig, so dass Serge bis zu seinem Tod im Jahr 2009 immer wieder in "seine Heimat Niedenstein" kam.

"Es gibt eine Pflicht, und das ist die Pflicht der Erinnerung. Diese Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten", schreibt Claudine Richaud.

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sind sich einig: "In Niedenstein gab es Zivilcourage in diesen dunklen Zeiten. Wir möchten die Erinnerung daran wach halten."

Sie wollen die Geschichte von Serge in Erinnerung rufen: Die Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Kultur Niedenstein organisierte die Lesung der Texte von Claudine Richaud, von links Hans Wolfram, Götz Schmidt, Elvira Friedrich, Horst Eubel, Heike Eubel, Erich Sommer, im Vordergrund Annemarie und Rainer Grunewald. Die Texte gibt es bei Interesse bei Elvira Friedrich, Tel. 95624/6619.

Von Christl Eberlein

Hintergrund

Als der Franzose Serge Richaud als Verlierer und Zwangsarbeiter im Jahr 1940, mitten im Krieg, nach Deutschland kam, hatte er gewiss kein gutes Bild von „den Deutschen“. Frankreich und Deutschland galten seit Jahrzehnten als Erbfeinde. Dass er Jahre später als Freund Niedenstein verließ, ist seinen positiven Erlebnissen im Feindesland geschuldet. Dass die beiden Staaten heute freundschaftlich verbunden sind, ist auch dem Élysée-Vertrag geschuldet, der am 22. Januar 1963, also genau vor 50 Jahren, vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichnet wurde. Sie legten damit die Grundlage für eine weiter wachsende Partnerschaft in Europa. (ula)

Quelle: HNA

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