„Frauen wie Sie und ich“

Marlen Boppert-Horst über das unscharfe Bild von Gewaltopfern und -tätern

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Marlen Boppert-Horst

Kreis Kassel. Häusliche Gewalt bleibt meist dort, wo sie regiert: In den eigenen vier Wänden. Nach außen tragen nur wenige Opfer ihr Schicksal. Konsequenz: Viele Fälle häuslicher Gewalt liegen im Dunkeln - und auch Opfer- und Täterbild beleuchtet die Öffentlichkeit selten.

Im Interview mit unserer Zeitung räumt Marlen Boppert-Horst, Mitarbeiterin im Frauenbüro des Landkreises, mit hartnäckigen Klischees auf.

Frau Boppert-Horst, wie betritt Gewalt eine Liebesbeziehung - schleicht sie sich ein oder fällt sie mit der Tür ins Haus?

Marlen Boppert-Horst: In den meisten Fällen schleicht sich Gewalt über lange Jahre ein. Das fängt beispielsweise damit an, dass der Mann versucht, seiner Frau den Kontakt mit ihren Freundinnen zu untersagen. Schrittweise nimmt die Kontrolle zu. Bevor die Situation eskaliert, spüren die meisten Frauen schon: Es dauert nicht mehr lange, dann schlägt er zu.

Warum schlägt ein Partner zu?

Boppert-Horst: Oft aus vollkommen abwegigen Gründen. Die Hand rutscht zum Beispiel aus, weil die Frau zu viel Salz in den Salat gestreut hat - oder die Kinder zu laut sind. Die Wurzel des Problems liegt aber tiefer.

Welche Strukturen bedingen häusliche Gewalt?

Boppert-Horst: Alkoholismus oder finanzielle Probleme können ein gewaltfördernder Faktor sein. Den Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle sind aber auch viele Fälle bekannt, in denen die Täter in Spitzenpositionen arbeiten ,ein gutes Einkommen haben, im öffentlichen Leben stehen.

Ist die Sozialwohnung häufiger Tatort als das Einfamilienhaus?

Boppert-Horst: Ein ganz klares Nein. In Sozialwohnungen fällt häusliche Gewalt möglicherweise eher auf, denn man wohnt Tür an Tür mit den Nachbarn. Im Einfamilienhaus, hinter großen Hecken bleibt sie öfter versteckt. Studien belegen aber: Kein soziales Milieu ist vor häuslicher Gewalt sicher.

Die Studie des Bundesfamilienministeriums übermalt das Bild vom Täter, das vielen Menschen vorschwebt. Der sympathische Wettermoderator, der nette Familienvater von nebenan, der anerkannte Arzt - sie alle passen nicht ins Phantombild der Öffentlichkeit.

Boppert-Horst: Boppert-Horst: Dieses Bild vom Gewalttäter ist einseitig. Die Öffentlichkeit leugnet, dass viele Menschen zwei Gesichter haben. Ein Akademiker kann gleichermaßen Täter werden wie ein Arbeitsloser. Einziger Unterschied: Gebildetere Menschen üben häusliche Gewalt subtiler aus.

Schauen wir uns die Frauen an, die bei ihnen Hilfe suchen. Gibt es Frauen, die besonders betroffen sind?

Boppert-Horst: Jede Frau kann Opfer häuslicher Gewalt werden. Es sind Frauen wie Sie und ich, die in unserer Einrichtung Beratung suchen. Von Frau zu Frau verschieden ist aber der Umgang mit der Gewalt. „Einmal und nie wieder“ - das sagen und leben eher selbstbewusste Frauen, was die seelischen Verletzungen aber nicht schmälert. Diejenigen, die die Opferrolle schon verinnerlicht haben, leben oft jahrelang in einer Gewaltbeziehung.

Zur Person

Marlen Boppert-Horst arbeitet seit 16 Jahren beim Verein Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel . Dort betreut die Sozialarbeiterin Frauenhaus und Frauenberatungsstellen. Marlen Boppert-Horst ist verheiratet und hat drei Kinder. (spi)

Quelle: HNA

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