Kabarett Distel: 300 Zuschauer klatschten in der Treysaer Festhalle Beifall

Frei von der Leber weg

Bissig und bitterböse: Stefan Martin Müller, Dagmar Jaeger und Michael Nitzel (von links) vom Kabarett-Theater Die Distel boten am Sonntagabend eine schrille Ossi-Wessi-Fiktion. Foto: Rose

Schwalmstadt. In den elf neuen Westbezirken ist die sozialistische Denkweise noch nicht angekommen – davon waren am Sonntagabend die Kabarettisten Stefan Martin Müller, Michael Nitzel und Dagmar Jaeger überzeugt. Das Trio vom Kabarett-Theater Distel aus Berlin zog mit dem Programm „Staatsratsvorsitzende küsst man nicht“ 300 Zuschauer in die Treysaer Festhalle.

Nicht die DDR ist der Bundesrepublik, sondern die Bundesrepublik der DDR beigetreten: Das war das Szenario, dass die Kabarettisten in den grellsten und schrillsten Farben beschrieben. Zweieinhalb Stunden lang persiflierten die Akteure mit brillantem Wortwitz und gaben sich der bitterbösen, satirischen Verzerrung hin.

Die dreiste Fiktion der deutsch-deutschen Geschichte sparte nicht mit Sticheleien und Seitenhieben. In schnellen Parabeln parlierten Müller als klassischer DDR-Lebenskünstler, Jaeger als frustrierte Wessi-Genossin und Nitzel als standfester Funktionär frech und frei von der vorzugsweise kommunistisch rot gefärbten Leber weg. Klaus Kleber und Gundula Gause fanden sich in der Kamera der Aktuellen Kamera wieder. Franz Müntefering spazierte Arm in Arm mit einer jungen Pionierin und Helmut Kohl wähnte man im Exil am Wolfgangsee. Margot Honecker und Alfred Biolek grüßten aus dem LPG-Kochstudio, Motto „Kochen ohne Zutaten“.

Sozialistische Extase

Sozialistische Extase suggerierte man dem Publikum mit speziellen Winkelementen und roten Tüchern aus der „Serviett-Union“. Und Bundesbürgern in der Identitätskrise wurden die Worte „Ich bin ein deutscher Schäferhund“ eingebläut. Dagmar Jaeger kommentierte bissig: „Wir kriegen Sie schon in die richtige Rasse.“

Genüsslich nahmen sich die Kabarettisten Themen wie Daten- und Verfassungsschutz an. Die Installation von Mikrofonen am Arbeitsplatz sei schlicht gelebter Datenschutz. Dabei erinnerte man sich gemeinsam an die Zeit, als der Verfassungsschutz noch echte Gegner hatte. „Wenn es in der Kantine des BND rote Grütze gab, ging man sofort auf die Suche nach kommunistischen Tendenzen“, erklärte Stefan Martin Müller. „Die einzige Gruppe, die das Land heute noch terrorisiert, ist Pur.“ Dass die Deutschen immer weniger Kinder bekommen, kommentierte Michael Nitzel: „Wir stehen in der Weltrangliste der Reproduktionen auf dem vorletzten Platz, den letzten Platz belegt der Vatikan.“ Der bizarre Ausflug in die DDR endete mit minutenlangem Applaus und der Erkenntnis: „Das kann er nicht gewesen sein, der Traum vom besseren Sein.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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