Nach 30-jähriger Forschung: Brunhilde Miehes neues Buch über die Schwalm ist da

Freud‘, Leid und viel Arbeit

Schwalm. Schlicht „Volksleben in der Schwalm“ nennt die in der Region sehr bekannte Volkskundlerin Brundhilde Miehe (Kirchheim) ihr neues Buch. Es ist ein buntes, umfängliches Album, das man querlesen oder studieren kann. Oder man lässt einfach die vielen, vielen Fotos auf sich wirken.

Brundhilde Miehe hat das Werk, erschienen im eigenen Verlag Miehe-Medien, sehr breit angelegt. „Es geht darum, den Wissensstand der älteren Generationen zu nutzen und den Wandel über drei Generationen zu dokumentieren“, schreibt die Wissenschaftlerin in ihrem Vorwort. Frei übersetzt heißt das, ihr Rückblick setzt in dem Moment an, wo die alte Schwalm im Verschwinden begriffen ist. Den letzten Schwälmerinnen in Tracht gehört ihr Hauptaugenmerk, sie sind stark vertreten.

Vielen Älteren und Alten aus der Schwalm verspricht das Buch ein Wiedersehen mit guten Bekannten. Zauberhafte Schwarz-Weißaufnahmen aus der Vorkriegsspinnstubb´ sind zu sehen, es geht ums Fenstern an Ostern, der Bogen wird geschlagen bis hin zum neuzeitlichen Sautrogrennen auf der Schwalm in Zella. Die Schwalm als Ort des Frohsinns.

Der Schwalm als Ort zeremonieller Trauer wird auch breiter Raum gegeben. Das Kapitel „Tod und Begräbnis“ ist dabei eins der fesselndsten. Das „Totenwerk“, ein Leinenhemd, bewahrte die Schwälmerin zeitlebens bei ihren Sachen auf. Manchmal wurde sie auch in Tracht beerdigt.

Beerdigung beim Nachtläuten

Auch berichtet wird, dass für einen Selbstmörder die Glocken nur auf dem halben Trauerzugsweg läuteten, und dass Totengräber direkt in Naturalien bezahlt wurden – mit einer Wurst und einem Laib Brot. Totgeborene Säuglinge setzte man beim Nachtläuten bei. Auf dem Sarg verstorbener Jugendlicher sah man gebastelte Papierkronen. Sie wurden vor der Grablegung abgenommen und aufbewahrt. Einer jungen Tochter wurde im Sarg ein Teil des Brautschmucks der Mutter aufgesetzt. Berührende Schilderungen, berührende alte Fotos.

Im Vergessen begriffene Bräuche wie das Pfingstmännchen, der Pfingstbügel und das Pfingsthäuschen werden beschrieben, auch der Probtanz als „Probetanz“ vor der Kirmes, zwischen Heu- und Kornernte. Anderes wie das Begraben der Kirmes, die Ausfahrt der Burschen auf dem Leiterwagen und das Umherziehen der Kinder als „Klowes“, als Nikolaus, existiert ja glücklicherweise noch.

Brunhilde Miehe schildert vieles, Backen, Waschen, Schlachten – der Alltag von einst wird akribisch entwickelt. In Interviews und Recherchen mit vielen Schwälmern, ihren „Gewährsleuten“, hat sich die Autorin ihre profunden Kenntnisse angeeignet.

Harte Standesordnung

Der Wissenschaftlerin gelingt es durchaus, sich dem Menschenschlag der Schwälmer zu nähern, der unter einer bisweilen unmenschlichen Standesordnung entstand, die sich in unserem Landstrich besonders lange hielt. So erscheint das Dasein der Menschen in der harten Hierarchie vom Pferdebauern bis zum Knecht auch angemessenerweise nicht als reine Idylle, die es ganz sicher nicht war.

Die Kirchheimerin hat nicht das erste Werk über „die“ Schwälmer vorgelegt, aber auf längere Sicht wohl das letzte: Ein umfängliches Erinnerungsbuch und eine Lektüre, die man auch nach dem Herbst und Weihnachten immer mal wieder zur Hand nehmen wird. Apropos Weihnachten: für viele ist der hochwertige Band sicher ein willkommenes Geschenk.

Das Buch: 192 Seiten, 24,90 Euro, im Handel, über den Schwälmer Heimatbund (SHB) im Museum in Ziegenhain, oder bei der Autorin direkt, Tel. und Fax.: 06625/400

Von Anne Quehl

Quelle: HNA

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