Kontakt über Schüleraustausch

50 Jahre Briefferundschaft zwischen Winterscheid und Berlin

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Im Wandel der Zeit: Das Foto zeigt die beiden Freundinnen bei einer Familiefeier Mitte der 1990er-Jahre.

Winterscheid. Je mehr sie erzählt, desto mehr kommen die Erinnerungen wieder hoch: Marianne Theiß pflegt seit nunmehr 50 Jahren Kontakt zu einer Brieffreundin nach Berlin.

Kennengelernt hatten sich die Frauen als 14-Jährige 1964 über eine Patenschaft des Altkreises Ziegenhain mit einer Schule in Berlin-Reinickendorf.

Ihr Vater, der ehemalige Moischeider Bürgermeister Wilhelm Möller, hatte Anfang der 1960er-Jahre begonnen, über dieser Patenschaft Berliner Schüler in den Sommerferien bei sich aufzunehmen. Zuerst kam ein Berliner Junge, Jörg Thürmann. Im Jahr darauf besuchte ihn seine Schwester, Sylvia Hückelkamp, geborene Thürmann.

„Wir haben uns auf Anhieb verstanden“, erzählte Marianne Theiß. Danach fuhren die Berliner Geschwister regelmäßig zusammen ins Gilserberger Hochland. „Es war eine schöne Zeit“, sagte die 63-Jährige. Tagsüber halfen die Stadtkinder auf dem Feld mit: Schlepperfahren und die Ferkel standen hoch im Kurs. „Abends gingen wir aus, zum Tanz oder ins Kino“, erinnerte sich die Winterscheiderin. Eine Clique aus den Gilserbergern und den Berlinern hatte sich entwickelt: „Wir haben Kontakt bis zur Hochzeit gehalten.“

Doch mit Sylvia Hückelkamp riss die Verbindung nie ab. Bei allen wichtigen Lebensereignissen besuchten die Freundinnen sich: Verlobung, Hochzeit, Geburten, Silberne Hochzeit. „Anfangs haben wir immer Briefe geschrieben, telefonieren war so teuer“, erzählte die 63-Jährige. Heute schwatzen sie lieber am Telefon miteinander, an Weihnachten verschickt Marianne Theiß trotzdem noch Karten.

Nach Auskunft des Landkreises Schwalm-Eder besteht die Patenschaft für die Berliner Hermann-Schulz-Schule heute nicht mehr, mit der Kreisreform und spätestens der Deutschen Einheit hätten die meisten dieser Patenschaft geendet.

Erinnerungen: Marianne Theiß mit ihrem Fotoalbum, in das sie die Aufnahmen ihrer Freundin klebt. In der Hand hält sie einen Zeitungsausschnitt zum Besuch der Berliner von 1968.

„Ich finde das sehr schade“, sagt dazu die Winterscheiderin, „ich finde so einen Austausch als Schüler sehr wichtig“. Auch ihren Sohn ließ sie deshalb an einem Frankreich-Austausch teilhaben. „Diese Erfahrungen bleiben für immer bestehen.“

Als junge Frau fuhr Marianna Theiß regelmäßig nach Berlin. „Es war immer ein Abenteuer, im Bus die DDR-Grenze zu passieren“, erinnert sie sich. In der Hauptstadt schnupperte sie Großstadtluft: die Freundinnen gingen auf Partys und nahmen an Demonstrationen teil. An einen Abend kann sie noch genau erinnern: „Die Disko war in einer alten Kirche, der ganze Boden war aus Plexiglas und von unten beleuchtet.“ Der Berliner Freundeskreis zog die Hochländerin liebevoll mit Landei auf. „Das war aber immer nett gemeint“, erzählt sie und lächelt.

Seit fünf Jahren haben sich die Freundinnen nicht mehr gesehen, „aber ich will sie in diesem Jahr besuchen“. Der Kontakt bleibt bestehen, denn ihre Freundschaft kennt keine Distanz.

Von Claudia Schittelkopp

Quelle: HNA

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