Widerstand durch Musik

Für die Künstlerin Roswitha Aulenkamp waren die 68er eine prägende Zeit

+
Experimentelle Musik: Roswitha Aulenkamp mit der graphischen Partitur ihrer „Musique concrete“, die 1971 uraufgeführt wurde.

Ziegenhain. Sie hofften auf eine Welt ohne Ungerechtigkeit, ohne Gewalt und ohne Dummheit – und es ist das Zusammengehörigkeitsgefühl gewesen, das einmalig war.

So erinnert sich die Ziegenhainer Künstlerin Roswitha Aulenkamp an die 68er-Jahre. Sie erlebte diese Zeit als Musikstudentin in Kassel.

Den Nimbus einer Universitätsstadt besaß Kassel nicht, die Gesamthochschule wurde erst später gegründet. Dennoch ging in Kassel die Jugend auf die Straße, erzählt die damals 22-Jährige. Wie andernorts ging es um den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze. Der Widerstand spielte sich um die bestehenden Bildungseinrichtungen wie die Musikakademie ab. „Wir haben tolle Partys gefeiert, manche sogar unter einem Motto wie ,Rotes Fest‘.“ In dieser Zeit lernte sie auch die Ikonen der 68er, Gisela Getty und Jutta Winkelmann, kennen. Sie traf die später weltweit prominenten Zwillinge bei Feten in der Hochschule für bildende Künste. „Alle Männer waren verknallt in die beiden“, erinnert sich die Ziegenhainerin.

Mit dem Künstler Dieter Himmelmann lebte sie in Kassel in der Luisenstraße. Sie zählten zum Kreis der Künstler und Studenten, die documenta-Gründer Arnold Bode um sich versammelt hatte. Er hatte auch ein Büro in ihrer großen Altbauwohnung. Die Wohnung wurde ebenfalls für Projekte wie Musik und Malerei genutzt und hieß Forum L20.

Roswitha Aulenkamp schrieb damals ihre ersten experimentellen Kompositionen. Eine davon wurde 1971 in der von Arnold Bode organisierten Ausstellung „Operationen“ im Fridericianum in Kassel uraufgeführt. Unter 106 Teilnehmern war Roswitha Aulenkamp die einzige Musikerin. Sie hatte einen eigenen Raum. Ihre graphische Partitur zu ihrer „Musique concrete“ hatte sie, einem Fries gleich, um den gesamten Raum gespannt, die Musik nach Texten der „Publikumsbeschimpfungen“ von Peter Handke kam vom Band, dazu gab eine Dia-Serie von sprechenden Personen.

Sehr experimentell ging es auch in der Gruppe A+M (Audiovision & Musik) zu. Dort musizierte Roswitha Aulenkamp mit drei anderen Musikern unter dem Motto „Erregung öffentlichen Verständnisses für Musik“. Völliges Unverständnis zeigte der Hausmeister der Kasseler Volkshochschule für deren Stück „Musik für dunklen Raum“. Dazu hatten die Künstler in ihrem verdunkelten Übungsraum sogar die beleuchteten Notausgangsschilder abgeklebt – was dem Hausmeister gar nicht passte.

Auf die Straße ging man gegen den Krieg, aber auch mittels Musik sollte der Widerstand rübergebracht werden, sagt die Künstlerin und erinnert sich an ihre Variationen zu Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“. Die 68er seien eine wichtige Zeit für sie gewesen, betont sie. „Ein Lebensgefühl, das ich bis heute nicht verloren habe.“

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare