Menschen aus der Region erinnern sich an ihre Bundeswehr-Grundausbildung vor über 40 Jahren

Gamaschen und Maulfwurfsfell

Erinnerung an die Grundausbildung: Kurt Wiegand besitzt noch ein Foto aus frühen Jahren der Bundeswehr. Das Bild zeigt das Panzerbataillon 15, den Vorläufer des Wolfhager Panzerbataillons 54 (später 64), in dem Wiegand (Sechster von links in der vierten Reihe von unten) im Januar 1957 seinen Wehrdienst begann. Fotos/Repros: zih

Wolfhagen. Einer der ersten Wolfhager, der zu den Fahnen eilte, war Kurt Wiegand. Am 16. Januar 1957 begann er seine Grundausbildung in Grafenwöhr beim damaligen Panzerbataillon 15, dem Vorläufer des ab 1960 in der Wolfhager Pommernkaserne stationierten Panzerbataillons 54 (64). Nicht in erster Linie aus Patriotismus wurde Wiegand Soldat, sondern aus finanziellen Gründen. Sein Geburtsjahrgang 1937 sollte den Anfang der neuen Wehrpflicht machen. Als Gezogener hätte der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker und spätere Meister nur etwas mehr als die Hälfte der monatlichen Bezüge von 140 Mark für Freiwillige erhalten. Deshalb verpflichtete er sich freiwillig für eine 18-monatige Dienstzeit.

Wiegand erinnert sich: „In einem noch strengeren Winter wie er derzeit bei uns herrscht, ging es mit der Eisenbahn von Wolfhagen Richtung Grafenwöhr, das war eigentlich ein amerikanischer Schießplatz.“ Untergebracht war er während der Grundausbildung in alten Gebäuden mit zehn Mann auf der Stube. Etwas Wärme spendete in jedem Wohnraum ein Kohleofen. „Die Toiletten waren aber draußen in offenen Verschlägen.“ Arbeitskleidung war der Moleskin-Anzug, der der englischen Übersetzung „Maulwurfsfell“ alle Ehre machte: kratzig, im Sommer eine Sauna, im Winter ein Gefrierfach. Zum Maulwurfsfell wurden hohe Schnürschuhe mit Gamaschen getragen.

Im März 1957 wurde Wiegands Bataillon dann nach Wetzlar verlegt. Während der Grundausbildung – das Wochenende begann immer erst am Samstagmittag – konnte Wiegand nicht ein einziges Mal nach Hause fahren.

Etwa besser hatte es da der jetzt 73-jährige Emil Beck. Der gelernte Maschinenschlosser wurde am 1. Juli 1958 als Wehrpflichtiger zum Panzeraufklärungsbataillon 2 in Fritzlar eingezogen.

„Die Bundeswehrzeit war schon ein hartes Stück.“

Emil Beck (73)

Hätte Beck einen Tag früher das Licht der Welt erblickt, wäre ihm die Bundeswehr erspart geblieben. Denn die vor ihm geborenen Altersgenossen brauchten als so genannte weiße Jahrgänge keinen Wehrdienst abzuleisten.

Zwölf Monate musste Beck dienen, ein Jahr danach waren es auf Grund der Kubakrise 15 Monate. „Die Bundeswehrzeit war schon ein hartes Stück“, sagt Beck. Nicht so sehr körperlich belastete ihn der Dienst – vielmehr machte ihm der „mehr als stramme Umgangston“ zu schaffen. Stammten die Vorgesetzten doch überwiegend noch direkt aus der Wehrmacht beziehungsweise waren von dort über den Bundesgrenzschutz zur Bundeswehr gekommen.

Auch Beck musste immer bis nach dem obligatorischen Stubenreinigungsappell am Samstagmittag Dienst schieben.

„Doch meistens“, so der Wolfhager, „wurde eine Nachreinigung angeordnet, und wir konnten erst am Samstagabend die Heimreise antreten.“

Von Reinhard Michl

Quelle: HNA

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