Grundstück mit interessanter Geschichte

Gelände des Impfzentrums in Fritzlar: 1953 ereignete sich dort mysteriöser Kriminalfall

Die Gaststätte „Berliner Hof“, eine Holzbaracke umgeben von Wiese und mit Büschen bewachsenen Zäunen.
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Die Gaststätte „Berliner Hof“ am Rand des westlichen Flugplatzgeländes 1953: Von hier begab sich das vermeintliche Opfer eines Gewaltaktes auf den Nachhauseweg.

Das Grundstück des heutigen Impfzentrums des Schwalm-Eder-Kreises in Fritzlar hat eine interessante Geschichte, die teilweise sogar mysteriös ist.

Fritzlar - Während des Zweiten Weltkriegs wurden auf dem Gelände westlich des Flugplatzes Holzbaracken aufgebaut, die zur Unterbringung von Zwangsarbeitern dienten, welche das NS-Regime zur Arbeit in der deutschen Kriegswirtschaft zwang. Diese Baracken wurden aber auch nach dem Krieg noch weit bis in die 1950er-Jahre genutzt und waren sogar Schauplatz eines Kriminalfalls.

Es mag aus heutiger Sicht geschmacklos erscheinen, dass an der Berliner Straße, etwa dort, wo sich heute der Eingangsbereich des Impfzentrums befindet, in einer dieser Baracken eine Gaststätte befand. Man nannte sie „Berliner Hof“, auch „U-Ranch“. Aus damaliger Sicht war dies durchaus legitim, weil Wohnraum und Gebäude in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte nun einmal sehr knappe Güter waren.

Der „Berliner Hof“ spielte im Sommer 1953 als Schauplatz bei dem besagten Kriminalfall in der Domstadt eine zentrale Rolle: Am 17. August 1953 wurde bekannt, dass eine 19-jährige Frau, die in einer Baracke am Südrand der Stadt wohnte, seit dem letzten Abend vermisst wurde. Ihre Mutter und ihr Bruder schlossen gegenüber der Polizei ein Verbrechen nicht aus.

Erste Ermittlungen ergaben, dass sich die Vermisste in der letzten Nacht in der Gaststätte „Berliner Hof“ am Flugplatzgelände aufgehalten hat. Dort verloren sich ihre Spuren. In der Nacht auf den 18. August 1953 weckte Dr. Schotten Polizeihauptkommissar Hildebrandt aus dem Tiefschlaf. Schotten bat Hildebrandt, ihm zu folgen. Das Ziel war eine der Baracken im Süden von Fritzlar. Die beiden fanden die Vermisste stark unterkühlt und bewusstlos vor dem elterlichen Quartier vor. Eine große Beule zierte ihren Kopf.

Bei ihrer Vernehmung einige Stunden später sagte die Frau aus, sie sei tatsächlich nachts auf dem Heimweg gewesen. „In der Nähe einer der Flugplatzbaracken ging dann nach ihren Darstellungen ein Mann auf sie zu, der eine schwarze Gesichtsmaske trug, und ein vermutlich mit Äther getränktes Tuch über ihr Gesicht deckte“, so die Polizeiakten. Des Weiteren könne sie sich nur noch daran erinnern, dass sie in einer Baracke auf dem Flugplatz gelegen habe. Später habe sie dann versucht, einem der beiden die Gesichtsmaske herunter zu reißen. In diesem Augenblick habe sie einen Schlag auf den Kopf erhalten. Anschließend seien die Täter wohl geflüchtet. Erinnern konnte sich das vermeintliche Opfer dann nur noch daran, dass sie sich äußerst mühsam fortbewegt habe, um anschließend vor der elterlichen Wohnung zusammen zu brechen.

Die weiteren Ermittlungen ergaben aber, dass die Frau durch ihre von vornherein unglaubwürdigen Angaben ihren Aufenthalt bei französischen Soldaten in der Kaserne verschleiern wollte. Wie sie zu ihrer Beule kann, blieb ungeklärt. Wegen Deliktvortäuschung wurde die Frau deshalb später bestraft.

Das Aufatmen in der Stadt wird wohl jeder damalige Zeitgenosse deutlich gespürt und verinnerlicht haben, da sich im Jahr 1953 etliche, auch spektakuläre, Kriminalfälle in Fritzlar ereignet hatten. Der Fall zeigte auch, dass es möglicherweise in den nächsten Jahren sozialen Sprengstoff in der Domstadt geben könnte, schließlich waren seit dem 5. August 1951 französische Truppen am Flugplatz stationiert. Und das barg durchaus die Gefahr zwischenmenschlicher Beziehungen in sich. (Thomas Schattner)

Unser Autor bezog sich als Quelle auf ein Tagebuch des Polizeikommissariats Fritzlar-Homberg vom 8. Mai 1945 bis zum 31. Dezember 1958.

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