Frauen entscheiden freiwillig für Kaiserschnitt 

Weniger Kaiserschnitte im Landkreis Schwalm-Eder

Schwalm-Eder. Jedes dritte Kind kommt im Schwalm-Eder-Kreis per Kaiserschnitt auf die Welt.

Die durchschnittliche Quote lag 2017 in den Geburtsstationen in Fritzlar und Schwalmstadt bei 33,6 Prozent. Bundesweit ist der Kaiserschnittanteil niedriger: Laut Statistischem Bundesamt lag die Quote 2016 bei 30,5 Prozent – für 2017 gibt es noch keine Zahlen.

Allerdings ist der Kaiserschnittanteil im Landkreis gesunken. Vor fünf Jahren lag die Quote noch bei 38 Prozent. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr in den beiden Geburtsstationen 1231 Geburten, 414 davon per Kaiserschnitt. In der Asklepios-Frauenklinik in Schwalmstadt wurden 36 Prozent der Kinder per Sectio geboren, am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist 32 Prozent.

„Ich halte eine Vaginalentbindung immer noch für den richtigen Weg“, sagt Dr. Heinz-Josef Kaum, Chefarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe der Asklepios-Klinik in Schwalmstadt. „Aber man sollte der Frau das Selbstbestimmungsrecht überlassen. Ich halte es nicht für legitim, einer Frau einen Kaiserschnitt auszureden.“ Etwa die Hälfte der Kaiserschnitte in der Asklepios-Klinik seien von den Frauen frei gewählt. Dr. Kaum schildert Situationen, in denen Frauen einen Kaiserschnitt fordern, weil sie den Geburtsschmerz nicht ertragen. „Wir bieten dann Schmerzlinderung an und klären darüber auf, dass der Kaiserschnitt medizinisch nicht notwendig ist“, sagt der Chefarzt. „Wenn die Frau trotzdem einen Kaiserschnitt will, dann machen wir das.“

Die Sicherheit stehe an erster Stelle, teilt Julia Gäck, Pressesprecherin des Fritzlarer Hospitals zum Heiligen Geist mit. Während der vaginalen Geburt werde ständig kontrolliert, wie es Mutter und Kind geht. „Wenn ein Kaiserschnitt nicht notwendig ist, dann präferieren wir die vaginale Geburt.“ Bei Wunsch der Patientin nach einem Kaiserschnitt versuche man, individuell darauf einzugehen. 

Vor- und Nachteile abwägen

Es gibt gute Gründe, warum eine vaginale Geburt gegenüber einem Kaiserschnitt bevorzugt werden sollte, sagt die Melsunger Hebamme Martina Katerkamp. Sie ist zusammen mit Daniela Landgriebe Kreisvorsitzende der Hebammen im Schwalm-Eder-Kreis. 

„Bei einer normalen Geburt kommt das Neugeborene mit Vaginalsekret und mit den darin enthaltenen Bakterien in Kontakt. Das ist wichtig für ein intaktes Immunsystem des Kindes“, sagt Katerkamp. „Es gibt Studien, die besagen, dass Kinder nach einem Kaiserschnitt ein höheres Infektionsrisiko haben.“ Kaiserschnittkinder litten beispielsweise häufiger unter Atemwegserkrankungen und unter Diabetes Typ 1. 

Auch für die Gebärende habe ein Kaiserschnitt oft unerwartete Nebenwirkungen. „Was ich oft erlebe, sind Frauen, die Probleme mit der Kaiserschnittnarbe haben. Sie leiden auch längerfristig unter Verwachsungen.“ Hinzu komme, dass es für Frauen oft ein traumatisches Erlebnis sei, wenn sie ihr Kind nicht selbst zur Welt gebracht hätten. „Für ein gutes Geburtserlebnis braucht es Zeit“, sagt Katerkamp. Aufgrund der Personalnot in den Kreißsälen sei eine gute Betreuung unter Geburt oft schwierig. „Ich arbeite selbst nicht in einer Klinik, aber ich spreche viel mit Kolleginnen, die in Krankenhäusern arbeiten. Da ist immer wieder Thema: Hätte dieser Kaiserschnitt verhindert werden können?“ 

Selbstverständlich sei ein Kaiserschnitt eine segensreiche Sache, wenn damit das Leben von Mutter und Kind gerettet werde. „Aber es gibt auch weiche Indikationen, wo mancher Arzt anders entscheiden würde“, sagt Katerkamp. 

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gehe davon aus, dass nur bei 15 Prozent der Geburten ein Kaiserschnitt medizinisch indiziert sei. Damit seien Kaiserschnittquoten von über 30 Prozent viel zu hoch. „Das ist ein gesellschaftliches Problem“, ist Katerkamp überzeugt. „Es gibt bei uns ein sehr hohes Risikobewusstsein, und man versucht, diesen Risiken aus dem Weg zu gehen.“ Eine Rolle spiele dabei sicherlich auch die Haftpflichtproblematik: „Die Zahl der Klagen im Bereich der Geburtshilfe ist gestiegen.“ 

Wichtig sei, die Frauen frühzeitig in der Schwangerschaft zu beraten. Als Hebamme trifft Katerkamp auch auf Schwangere, die ohne medizinische Gründe per Kaiserschnitt entbinden möchten. „Der Grund ist oft Angst vor der Geburt“, sagt Katerkamp. Es sei dann wichtig, sachlich über das Thema zu sprechen und herauszufinden, was die Frau zur Entscheidung für einen Wunschkaiserschnitt gebracht hat. „Meine Aufgabe ist es nicht, die Frau zu einer vaginalen Geburt zu überreden. Wenn sie sich für einen Kaiserschnitt entschieden hat, akzeptiere ich das.“

Saarland hat die höchste Quote

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es für Kaiserschnittquoten von mehr als 15 Prozent keine Begründung. In Deutschland liegt die Quote weit darüber. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2016 – aktuellere Werte liegen noch nicht vor – hatte das Saarland mit 38,4 Prozent die höchste Quote. 

Die wenigsten Kaiserschnitte gab es in Sachsen (23,8 Prozent). Generell wird in den ostdeutschen Bundesländern seltener per Kaiserschnitt entbunden als in Westdeutschland. Auch in Berlin, Brandenburg Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen lag der Kaiserschnittanteil bei unter 30 Prozent. Hessen verzeichnet eine Quote von 32,6 Prozent und liegt damit über dem Bundesschnitt, aber unter dem Wert des Kreises. 

Quelle: HNA

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