Heimat wegen ihres Glaubens verlassen

Aus dem Irak geflohene Familie lernt Deutsch, um an Gesellschaft teilzuhaben

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Eine neues Leben in Deutschland anfangen: (von links) Dieses Ziel haben Yousif Jajo, Ashar Suleiman Jajo, Nabeel und Wael Jajo. Seit kurzem lernen sie Deutsch und sind begeistert davon.

Michelsberg. Yousif und Nabeel Jajo, Sohn und Vater, bringen ihre Besucher nicht nur bis zur Tür, sondern bis zur Straße. Sie warten, bis der Gast mit dem Auto an ihnen vorbeifährt und winken zum Abschied.

Überaus gastfreundlich und sympathisch ist die irakische Familie Jajo, die ihre Heimat wegen ihres Glaubens verlassen musste. Noch antworten sie vor allem auf Englisch. Doch immer wieder fallen auch Wörter auf Deutsch. Seit zwei Monaten lernen die Jajos zweimal in der Woche zusammen mit anderen Flüchtlingen im DGH in Michelsberg. Für die Jajos ist es nach mehr als vier Monaten Wartezeit ein Hoffnungsschimmer (wir berichteten).

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Der jüngste Sohn Wael (20) spricht schon minutenlang in dieser für ihn fremden Sprache. Und was er sagt, ist eindeutig: „Wir haben Monate lang gewartet, dass war nicht so einfach, weil wir nichts zu tun hatten.“ Auch sein 23-jähriger Bruder Yousif hofft, dass es jetzt, wo die Familie Deutsch lernt, schneller voran geht. Yousif möchte als Architekt in Stuttgart arbeiten. Zum Vorstellungsgespräch sei er dort bereits gewesen. Doch immer noch fehle der Familie die Zusage zum dauerhaften Bleiberecht.

Unterrichtet werden die Jajos von Carina Göbel. Die 23-jährige angehende Lehrerin ist begeistert, wie wissensdurstig die Familie ist.

Ashar Suleiman, Ehefrau und Mutter, mache derzeit die größten Lernfortschritte, sagt Carina Göbel. Vor der Flucht arbeitete Ashar Suleiman als Architektur-Dozentin in Bagdad. Jetzt hat sie nur ein Ziel. „Ich will Deutsch lernen und dann eine Arbeit finden“, so die 48-Jährige, deren Mutter und Schwester in Köln leben.

Zwischen 10 und 20 Flüchtlinge aus Treysa und Michelsberg besuchen den Kurs regelmäßig. „Am Ende jeder Unterrichtsstunde versuchen wir 15 Minuten miteinander zu sprechen", so Carina Göbel. Die Allendörferin sagt, dass die Jajos in den zwei Monaten, in denen der Kurs läuft, am besten Deutsch gelernt hätten. „Vor dem Wochenende wollen sie immer ganz viel Material haben.“ Doch es sei nicht immer leicht, allen Teilnehmern im Unterricht gerecht zu werden. „Das Problem ist, dass immer wieder neue Teilnehmer dazu kommen“, sagt Carina Göbel. Einige würden bei Null anfangen.

Die Flüchtlingsunterkunft, in der die Familie am Ortsrand von Michelsberg lebt, liegt direkt am Wald. Ohne Auto kommt man von dort aus nicht weit. Die Jajos fühlen sich zwar wohl mit den 30 Flüchtlingen, mit denen sie ihr Heim teilen. Doch viele sprechen kein Englisch und sind glücklich, etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Doch den Irakern reicht dies nicht. In ihrer früheren Heimat waren die Akademiker gesellschaftlich engagiert. Jetzt sind die wöchentliche Einkäufe, der Deutschunterricht, Waldspaziergänge und die sonntäglichen Kirchenbesuche ihre einzige Abwechslung.

„Wir wollen an der Gesellschaft in Deutschland teilhaben, etwas zurückgegeben“, sagt Nabeel Jajo, Ingenieur und Journalist. Sein Traum wäre es, seine Memoiren auf Deutsch zu schreiben.

Von Nina Nickoll

Quelle: HNA

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