506 Fälle wurden dem Jugendamt gemeldet

Gewalt gegen Kinder wird öfter gemeldet: Jugendamt im Kreis Kassel musste 440 Mal eingreifen

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Zahl erneut gestiegen: Im gesamten Landkreis Kassel gingen im vergangenen Jahr 506 Fälle von Kindesgefährdung ein. Bei 49 Prozent davon handelte es sich um körperliche und psychische Gewalt. 

Wolfhager Land. Die Zahl der Fälle von Kindeswohlgefährdung ist im Wolfhager Land und im gesamten Landkreis Kassel erneut angestiegen.

Das bestätigt Manfred Schilling, Leiter des Sozialen Dienstes für den Landkreis Kassel. Demnach gingen im vergangenen Jahr 506 Fälle von Kindeswohlgefährdung aus dem gesamten Landkreis und 111 Fälle aus dem Wolfhager Land ein. Im Jahr 2016 waren es insgesamt 429 Fälle, die dem Jugendamt gemeldet wurden. 

Im gesamten Landkreis Kassel kam es im vergangenen Jahr zu 107 Inobhutnahmen des Jugendamtes. Im Altkreis Wolfhagen waren es 22 Fälle. Davon waren insgesamt 21 Kinder unter elf Jahre alt. „Bei dem Rest handelt es sich um Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren“, fügt Schilling hinzu.

Manfred Schilling erklärt die Gründe für den rapiden Anstieg, und wann es notwendig ist, ein Kind aus seiner Familie zu holen.

Manfred Schilling

Herr Schilling, die Zahl der Gefährdungsmeldungen ist seit zehn Jahren um etwa 500 Prozent angestiegen. Woran liegt das?

Manfred Schilling: Der Anstieg lässt sich nicht nur daran erklären, dass Eltern ihre Kinder heute mehr vernachlässigen als früher.

Die Öffentlichkeit spielt heute eine wesentlich bedeutendere Rolle.

Das heißt, dass man mit dem Thema sensibler umgeht?

Manfred Schilling:Definitiv. Von diesen 506 Fällen waren es 440 Fälle, die wir intensiv prüfen mussten, weil sie sich tatsächlich gefährdend angehört haben.

Also knapp 100 Meldungen waren Fehlmeldungen, bei denen die Nachbarn beispielsweise sehr sorgsam drauf geachtet haben. Bei vielen dieser Fälle ging es dabei tatsächlich um Nachbarschaftsstreitigkeiten.

In den meisten Fällen, fast 50 Prozent, hat es sich um Vernachlässigung des Kindes gehandelt. Was genau versteht man darunter?

Manfred Schilling:Vernachlässigung beginnt beispielweise damit, wenn das Kind kein Bett hat oder nicht genügend Essen bekommt. Mit diesen Vorrausetzungen beginnt Vernachlässigung, kann aber soweit gehen, dass die Basisversorgung nicht gesichert ist, so dass das Kind erheblich geschädigt werden kann. Bei den meisten dieser Fälle, sind die Eltern schlichtweg überfordert mit der Erziehung.

Wie greift das Jugendamt dann bei solchen Fällen ein?

Manfred Schilling:Generell prüfen wir jede eingegangene Meldung. Das heißt, wir machen Hausbesuche. Viele Eltern geraten dann oft in Panik, wenn das Jugendamt vor der Tür steht. Doch anders als viele denken, holen wir das Kind nicht sofort aus seinem gewohnten Umfeld. Wenn die Eltern mit dem Haushalt überfordert sind, helfen unsere Sozialpädagogen beispielsweise damit, einen strukturierten Alltag mit ihnen aufzustellen.

In welchen Fällen muss das Jugendamt die Kinder denn aus ihrer Familie holen?

Manfred Schilling: Im vergangenen Jahr hat es 107 Inobhutnahmen gegeben. Davon waren 22 Kinder, die unter elf Jahren alt waren. Hier bestand eine große Gefahr, weil das Kind Gewalt im Haushalt ausgesetzt war. In einem Fall hat uns die Polizei informiert, dass ein Familienvater seine Frau mit dem Säugling auf dem Arm geschlagen hat. Dort mussten wir sofort eingreifen, weil die Mutter ihr Kind und sich selbst nicht mehr schützen konnte. Bei fünf Prozent der Fälle handelte es sich um sexuellen Missbrauch, dort greifen wir ebenfalls sofort ein.

In solchen Fällen müssen Sie schnell reagieren und ein neues Zuhause für das Kind finden. Gibt es ausreichend Pflegefamilien im Landkreis?

Manfred Schilling:Für diese akuten Fälle haben wir Bereitschaftspflegefamilien. Dennoch suchen wir immer wieder Pflegefamilien, die ein Kind für einen langfristigen Zeitraum aufnehmen.

Viele gehen davon aus, dass das Jugendamt häufiger bei sozialschwachen Familien eingreifen muss. Ist das wirklich so?

Manfred Schilling:Rein statistisch ist es schon so, dass diese Familien übermäßig oft betroffen sind, aber eben nicht ausschließlich. Gefährdungsmeldungen treffen uns aus allen Gesellschaftsschichten. Oft ist es allerdings schwieriger, einem Akademiker zu erklären, dass er sein Kind gefährdet als einem Arbeiter.

Quelle: HNA

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