Gnadenschuss für verirrte Hirschkuh in Wohngebiet

Seltener Besuch: Eine Hirschkuh verirrte sich gestern in einen Garten an der Dessauer Straße in Melsungen. Polizeioberkommissar Jürgen Brandau musste das uralte Tier erschießen. Foto: Hohagen

Melsungen. Mit einem Schuss aus einer Polizeipistole endete gestern Mittag der Ausflug einer Hirschkuh in einen Garten an der Dessauer Straße in Melsungen.

Was die Eigentümerin Susanne Roth noch am Morgen unbedingt hatte vermeiden wollen, als sie das Wild beim Blick aus dem Fenster entdeckte, das war nach Meinung von Fachleuten ein Gnadenschuss für das altersschwache Tier. Das hatte Stunden lang apathisch im Garten der Roths gelegen, nachdem es sich offenbar aus dem Melsunger Stadtwald dorthin verirrt hatte.

Susanne Roth staunte am Morgen nicht schlecht, als sie gegen 9 Uhr in die Augen eines großen Tieres blickte. Weil sie sich nicht anders zu helfen wusste, verständigte die Melsungerin die Polizei. Der Besuch des Wildes verblüffte sie sehr, schließlich seien es bis zum nahe gelegenen Stadtwald „immer noch zehn Minuten zu Fuß“.

Ihre Verwunderung teilte Polizeioberkommissar Jürgen Brandau: „Ein Rotwild im Wohngebiet: Das habe ich in meiner Karriere noch nicht erlebt.“ Bei Rehen käme das hin und wieder mal vor – und ein solches hatte er vor Ort auch erwartet.

Dass der Aufenthalt der Hirschkuh alles andere als normal war, bestätigte Revierförster Stefan Heuser, der noch am Vormittag von den Beamten zu Hilfe gerufen wurde. „Rothirsche sind Fluchttiere. Beim Anblick vom Menschen ergreifen sie im Normalfall sofort die Flucht“, erklärte der Jäger.

Gemeinsam mit der Polizei habe er versucht, das apathische Tier den Hang hinauf auf die Straße zu schieben. „Dabei ist die Hirschkuh zusammengebrochen und auf dem Rücken liegen geblieben“, erzählte Heuser. Da erst habe er bemerkt, wie abgemagert das Tier gewesen sei und Rückschlüsse auf dessen Alter gezogen.

Die Hirschkuh war vermutlich 18 Jahre. Keine Zähne und stark verwachsene Läufe ließen ihn zu dieser Einschätzung kommen. Die natürliche Lebenserwartung betrage 16 bis 18 Jahre. Um das Tier zu erlösen, habe man es mit einem Kopfschuss erlegt. „Das machen wir natürlich nur dann, wenn es keinen anderen Ausweg gibt“, betonte Heuser.

Der natürliche Tod nahte

„Außerdem bestand auch die Gefahr, dass das Tier in seinem verwirrten Zustand vor ein Auto oder Fahrrad gelaufen wäre und Menschen gefährdet hätte“, sagte Brandau. Die Hirschkuh wäre in den nächsten Tagen auch auf natürlichem Wege gestorben, glaubt Heuser.

Nur „wenn Rotwild schon jenseits von Gut und Böse ist“, laufen Hirsche in Wohngebiete und halten sich dort länger auf, sagt der Sachverständige der Rotwildhegegemeinschaft Riedforst, Burkhart Prinz. Verwirrung, die Suche nach Nahrung oder aber beides könnten die Hirschkuh in die Dessauer Straße getrieben haben.

In den Wald zurück brachte sie Revierjäger Heuser. Das tote Tier sollte in dieser nahrungsarmen Jahreszeit wenigstens als Futter für Aasfresser dienen. Denn das wäre auch bei einem natürlichen Tod der Hirschkuh so gewesen. (juh/and)

Quelle: HNA

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