Grete Nafziger war 40 Jahre lang HNA-Mitarbeiterin - Familie hütet ihr Archiv

Hüterin des Archivs: Schwiegertochter Waltraud Nafziger mit einigen Fotos und Ausschnitten, die Grete Nafziger in ihrer Zeit als freiberufliche Journalistin erarbeitete. Fotos:  Rose 1/Repro 2

Ottrau/Neukirchen. Grete Nafziger hat bei der Hersfelder Zeitung und der Schwälmer Allgemeine Geschichte, vor allem aber Geschichten geschrieben: Fast 40 Jahre war die Ottrauerin freie Mitarbeiterin.

Das umfassende Archiv mit hunderten Fotos, ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, Visitenkarten und anderen Erinnerungsstücken hütet die Familie in Neukirchen.

„Wir haben von der Oma einen ganzen Schrank voller Fotos und Dias“, erklärt Schwiegertochter Waltraud Nafziger. Bis kurz vor ihrem Tod 1988 reiste Grete Nafziger zwischen Treysa und Bad Hersfeld umher, besuchte Feuerwehrversammlungen, saß auf dem Pressebänkchen der Gemeindevertreter und knipste Jubilare. Ans Schreiben kam die 1906 geborene Tochter eines Landarztes eher zufällig: Grete Nafziger lebte damals mit ihrem Mann - der kriegsbeschädigt war und nicht mehr voll arbeiten konnte - und fünf Kindern in Ottrau. Der erste Artikel entstand: Nafziger fuhr 1949 mit dem Rad zum Rimberg, um sich den Bau der Raststätte anzusehen. Zuhause schrieb sie einen Bericht und schickte ihn zur Zeitung - und bekam dafür ein Honorar von neun Mark.

Nur wenig später starb der in Düsseldorf arbeitende Schriftsteller Wilhelm Schäfer, der gebürtig aus Ottrau stammte. Die Beisetzung des prominenten Dorfbewohners war Nafzigers zweite größere Geschichte. Auch das Radio wartete damals auf Informationen der Ottrauerin.

„Schreiben konnte die Oma. Sie war ja in Kassel aufs Lyzeum gegangen“, erklärt Waltraud Nafziger. Aufsätze schrieb sie damals dort schon für ihre Mitschüler. Preis pro Stück: ein Frühstück.

Anfangs düste Grete Nafziger mit ihrem Moped, einer NSU Quickli, zu Terminen, 1955 machte sie den Führerschein und war fortan in ihrem Lloyd Alexander, später im Polo, unterwegs.

Im Haus in Ottrau richtete sich Nafziger ihr eigenes Fotostudio ein. „Das war eine einfache Box im Schrank. Die Kinder haben ihr beim Entwickeln geholfen“, erzählt die Schwiegertochter. Texte und Fotos vom Wochenende mussten spätestens montags in der Redaktion vorliegen. Leute aus der Nachbarschaft, die sowieso in aller Herrgottsfrühe nach Treysa fuhren, nahmen Gretes „Material“ häufig mit.

„Die Oma war hart im Nehmen und für ihre Generation sehr aufgeklärt“, berichtet die Frau des Enkels. Und dabei nicht minder geschäftstüchtig: Trotz Lungenentzündung nutzte sie ihren Wochenendausgang aus dem Krankenhaus, um sich mit Stift und Block an der staubigen Motocross-Strecke in Schrecksbach herum zu treiben. Als auf der Burg Herzberg eine Fürstenhochzeit statt fand, bot Grete Nafziger ihre Fotos einer Illustrierten an.

Bis kurz vor ihrem Tod hat die Ottrauerin als Reporterin gearbeitet. Was sie erlebt hat, hat sie der Familie zum Teil auf besprochenen Kassetten hinterlassen. Für Waltraud Nafziger und die Verwandten ist es immer noch spannend, in „Omas“ Archiv zu kramen: „Das ist wie eine Geschichtsstunde - nur persönlicher.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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