Jeder Schuh ist ein Unikat

Frauen nähen zur 975-Jahr-Feier Pfieffer Latschen

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Die Latschenmacherinnen: Elsbeth Weiß, Heidi Dippel, Gudrun Kerst, Anni Wichert, Christa Siemon und Edelgard Smyk (von links) treffen sich seit April 2012 immer montags zum Latschenmachen. Im Bild fehlt Edith Apolle.

Pfieffe. Gudrun Kerst kann sich noch an ihre Latschen von damals erinnern. Sie ist gebürtige Pfiefferin, Jahrgang 1949, und hat als Kind welche getragen. Und jetzt ist sie eine von sieben Frauen, die das alte Handwerk im Dorf wiederbelebt - anlässlich der 975-Jahr-Feier im August.

Die Frauen treffen sich seit einem Jahr und nähen Latschen in den Größen 21 bis 47. Die ersten wurden bereits verkauft, die meisten auf Weihnachtsmärkten in der Umgebung, schließlich ist der Hausschuh was für die Winterzeit.

Die Pfieffer Latsche besteht aus vielen, vielen Stoffen und Schichten: aus alten Bademänteln, Strümpfen, Schafwoll-Unterbetten, ausrangierten Mäntel und Oberhemden. Der Schuh wird in 15 Arbeitsschritten genäht, alles in Handarbeit, auch der letzte Arbeitsschritt, das Vernähen von Sohle mit Oberlatsch. Die Nähnadel muss dabei durch bis zu 15 Stoffschichten gestochen werden - bei der Schuhgröße 38 sind das 120 Mal. Da brauchen die Frauen Kraft in den Fingern, manch eine der Latschenmacherinnen hat nicht nur robuste Fingerkuppen, sondern auch lädierte.

Die Latschenmacherinnen: Elsbeth Weiß, Heidi Dippel, Gudrun Kerst, Anni Wichert, Christa Siemon und Edelgard Smyk (von links) treffen sich seit April 2012 immer montags zum Latschenmachen. Im Bild fehlt Edith Apolle.

Jede Latsche fängt mit einem Stück Filz an, der auf die jeweilige Schuhgröße zurechtgeschnitten wird. Darauf kommen dann vier bis sechs Lagen Stoff, der mit der Hand aufgeheftet wird, was der Sohle Stabilität gibt. Ein Stück Lammfell, zum Beispiel aus einer dicken Wolldecke, polstert die Sohle ab und soll später den Fuß im Schuh wärmen. Damit ist die Sohle fertig.

Das Latschenmachen war früher Aufgabe der Omas in den Pfieffer Häusern: „Die haben im Winter aber nicht mehr wie zwei geschafft“, sagt Elsbeth Weiß. Deshalb wurden die Latschen im ersten Jahr normal angezogen, im zweiten Jahr wurde das Fersenteil runtergedrückt, und erst im dritten Jahr gab’s eine neuen Latsche, erinnert sich Gudrun Kerst. Bis zu zwölf Stunden Handarbeit stecken in einem Schuhpaar, „Ich nähe lieber eine Schuhgröße 47“, sagt Christa Siemon, „denn ein 21er-Schuh ist Fummelarbeit.“ Bislang haben sie und ihre sechs Mitlatschenmacherinnen rund 220 Schuhe gefertigt. Und es sollen bis zum großen Dorfjubiläum im August noch mehr werden.

Latschen als Eintrittskarten

Weil die Pfieffern umgangssprachlich auch „Pfieffer Latschen“ genannt werden, dreht sich auch bei großen Fest natürlich einiges um die Latschen. Als Eintrittskarten zum Stehenden Festzug dienen winzige gestrickte Latschen, nicht mehr wie fünf Zentimeter hoch. Mehrere Frauen des Dorfes haben bereits 4600 Stück gestrickt. Weitere sind in Arbeit. Die Idee hierzu und zu den genähten Latschen ist aus dem Kaffeetreff entstanden, zu dem sich einmal monatlich Pfieffer Frauen im Gemeindehaus treffen.

Apropos genähte Latschen: Zur gesteppten Sohle kommt noch ein so genannter Oberlatsch: Das sind bis zu sechs Stoffstücke in U-Form, die zusammengenäht, mit Schrägband versehen und an der Ferse mehrfach versteppt sind. Zum Schluss müssen Sohle und Oberlatsch vernäht werden, natürlich von Hand. Und dann ist der Pfieffer Latsch fertig - jeder Schuh ist ein Unikat.

Von Claudia Feser

975 Jahre Pfieffe: Die Festtage sind vom Freitag, 16. bis Sonntag, 18. August.

Hintergrund

Woher die Bezeichnung Pfieffer Latschen für die Einwohner aus Pfieffe stammt, weiß heute niemand mehr so genau. Vermutlich geht der Name auf die Hausschuhe zurück, die Latschen eben. Diese werden nun eigens zum Fest angefertigt mit der Technik von anno dazumal. Es gibt die Schuhe in den Größen 21 bis 47. Sie kosten zwischen zwölf und 25 Euro, je nach Größe. (ciß)

• Kontakt: Elsbeth Weiß, Tel. 05663 / 77 77

Quelle: HNA

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