Interview: Dr. Jürgen Römer, Leiter des Regionalmuseums, über Gottvertrauen, Kannibalen und „Notlügen“

Hans Staden – war er ein Märtyrer?

Museumsleiter Dr. Jürgen Römer vom Regionalmuseum Wolfhager Land spricht über das Werk von Hans Staden: die „Zwei Reisen nach Brasilien“ Foto: nix

Wolfhagen. „The Return of Hans Staden“ heißt das Buch der Historikerinnen Eve M. Duffy und Alida C. Metcalf, in dem sie die Geschichte des Wolfhager Brasilienforschers wieder aufleben lassen. Die beiden Amerikanerinnen zeigen, wie sich Hans Staden in seinem Werk „Wa(h)rhaftige Historia“ zum „Märtyrer“ stilisiert. Er soll an einigen Stellen auch geschwindelt haben. Dr. Jürgen Römer, Leiter des Regionalmuseums Wolfhager Land, sieht das anders:

Darf ein Christ überhaupt „Notlügen als Lebensretter“ anwenden?

Dr. Jürgen Römer: Was hätte er denn in dieser Lage für Alternativen gehabt? Der Mann musste sich mit seiner Umwelt arrangieren und will mit seiner Geschichte zeigen, wie Gott ihm aus seiner schweren Situation in brasilianischer Gefangenschaft geholfen hat. Wobei man den historischen und sozialen Kontext nicht außer Acht lassen darf: Hans Staden war ein Berufssoldat, kein Gelehrter – ein einfacher Mann, der Großes erlebt hat. Und nicht zu vergessen, er war ein evangelischer Christ in der Zeit der Reformation.

Hatte dies Auswirkungen auf Stadens Verhalten und seine Darstellung in seinem Werk?

Römer: Nicht nur darauf. Die Reformation hat entscheidend zur Neugestaltung der Kirchen- und Weltordnung in der Frühen Neuzeit beigetragen. Daraus resultiert auch, dass es bei den Protestanten keine Heiligenverehrung gibt und dass Staden sich in seinem Werk weder als „Heiligen“, noch als „Märtyrer“ darstellt. Letzteres schon gar nicht, denn als Märtyrer bezeichnet man Personen, die um ihres Glaubens oder ihrer Überzeugung Willen bewusst Verfolgung und Tod in Kauf genommen haben – und Hans Staden hat bekanntlich überlebt.

Etwa weil er seinen Glauben gegenüber den Eingeborenen verleugnet hat?

Römer: Im Gegenteil. Obwohl er in seinem Werk davon berichtet, dass er erfahren habe, wie andere Christen während ritueller Feste der „Kannibalen“ verspeist wurden, ging Hans Staden offen mit seinem Gottesglauben um und errichtete vor seiner Hütte im Eingeborenenlager ein Kreuz.

Er leugnete seine Religion also keineswegs, sondern trug sein Gottvertrauen offen hinaus in die Welt. Daher ist es auch Thema seines Werkes.

Welche Themen werden ansonsten noch darin behandelt?

Römer: Seine 1557 veröffentlichte „Wa(h)rhaftige Historia der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute...“ wurde ein Bestseller. Es war das erste ausführliche Buch über Brasilien im Deutschland des 16. Jahrhunderts.

Der erste Teil stellt eine Abenteuergeschichte dar, in der er von seinen Reisen nach Brasilien erzählt. Im zweiten Teil beschreibt Hans Staden das Land und die Urbevölkerung Brasiliens, die er mit fast wissenschaftlicher, neuzeitlich wirkender Schärfe beobachtet hatte. Welche Auswirkungen hatte sein Werk?

Römer: Das Buch stellt eine der wichtigsten frühen historischen und ethnografischen Quellen zu Brasilien dar. Es ist der wichtigste Text zur Frühgeschichte Brasiliens und bescherte Hans Staden dort einen hohen Bekanntheitsgrad. Die „Historia“ hat das Bild Brasiliens in Deutschland maßgeblich mitbestimmt. Wenn man daran denkt, dass 2013 das Jahr der Deutsch-Brasilianischen Zusammenarbeit sein wird, stellt der Reisebericht Stadens eine wichtige Verbindung zwischen den beiden Länder dar.

Von Melanie Triesch

Quelle: HNA

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