Hausabriss: Trauer um verlorenes Paradies

Erinnerung an ein verlorenes Paradies: Das alte Puzzle aus den 60er Jahren gehört Barbara und Günther Hofmann. Es zeigt den Bleichenturm vor dem Fritzlarer Dom, links das Elternhaus Hofmanns. Das kleine Torwärterhaus dahinter – auf dem aktuellen Foto im Hintergrund – wurde jetzt abgerissen. Foto: ula

Fritzlar. Es ist alt, vermutlich vom Schwamm geschädigt und steht seit vielen Jahren leer. Das kleine Häuschen zwischen Mühlengraben, Bleichenturm und Ursulinenschule bot zuletzt einen eher traurigen Anblick.

Seit vielen Jahren war das Gebäude, in dem früher der Torwärter am Bleichenturm wohnte und das zum Gelände der Ursulinenschule gehört, nicht mehr bewohnt. Die Abrissbirne machte ihm in diesen Tagen endgültig den Garaus.

„Wir haben keine Verwendung für das Haus, außerdem ist es inzwischen einsturzgefährdet“, sagte Jutta Ramisch, Schulleiterin der Ursulinenschule, auf Anfrage der HNA. Deshalb habe das Bistum Fulda, Träger der Schule, den Abriss beantragt. Die Denkmalpflege hatte keine Bedenken, doch muss eine direkt daneben stehende Scheune erhalten werden.

„Mit einer Träne im Auge beobachtet Günther Hofmann das Schicksal des alten Hauses. Er, dessen Elternhaus in direkter Nachbarschaft am Mühlengraben steht, trauert seinem „verlorenen Paradies“ nach, wie er es nennt. Denn die Idylle seiner Kindheit und Jugend zwischen Amberg und Mühlengraben verschwindet nach und nach. „Ich verliere auch ein Stück Heimat durch den weiteren Ausbau der Schule“, sagt er.

In der fünften Generation bewohnt die Familie Hofmann das Fachwerkhaus direkt gegenüber vom Bleichenturm. Noch in den 60er Jahren sei es dort eine echte Idylle gewesen, direkt am Wasser, mit kleinteiliger Bebauung und viel Grün rundherum, sagt Hofmann.

Eine Ansicht aus jener Zeit hat er eingerahmt: Ein Puzzle aus vielen hundert Teilen, das Bleichenturm, Elternhaus, das Torwärterhäuschen und dahinter den Dom zeigt. Südansicht von Fritzlar, romantisch verklärt.

Wenn jetzt das Torwärterhaus samt Schuppen nicht mehr steht, dann fühlen sich die Hofmanns endgültig in Bedrängnis gebracht. Zwischen ihrem Haus und dem immer größer werdenden Schulgelände bleibe kein Puffer mehr, sagt Hofmann.

Schade findet es seine Frau Barbara, dass mit dem Haus auch sehr ungewöhnliche Deckenmalereien in einem Zimmer des ersten Geschosses verloren gehen werden. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt sie.

Doch historisch bedeutsam waren sie wohl nicht: Dr. Johann-Henrich Schotten vom Museumsverein hat sich die Malerei angeschaut und eine Probe mitgenommen. „Da hat jemand vor vielleicht 200 Jahren Linoleum an der Decke befestigt und akribisch bemalt“, erläutert er. Das sei war kurios, aber nicht unbedingt schützenswert.

Günther Hofmann bedauert es auch, dass man mit den direkten Anliegern von seiten des Bistums kein Gespräch über die geplanten Veränderungen gesucht habe. „Wir haben erst vor einigen Tagen per Zufall von dem Abriss erfahren“, sagt er.

„Hoffentlich wird dort ein Baum gepflanzt.“

Rechts am Bleichenturm der Parkplatz der Grundschule, morgens die knatternden Zweiräder der Schüler direkt am Schlafzimmerfenster vorbei – von der ursprünglichen Ruhe entlang des Mühlengrabens könne leider keine Rede mehr sein.

Das Ehepaar Hofmann, das bisher eine Ferienwohnung in ihrem Fachwerkhaus angeboten hat, befürchtet weitere Wertverluste durch die immer näher rückende Schule. Ändern können sie daran wohl nichts, wissen sie. „Ich hoffe aber, dass auf dem Abrissgrundstück wenigstens ein Baum gepflanzt und nicht nur Autos geparkt werden“, sagt Hofmann.

Was die Eigentümer mit dem leeren Platz tatsächlich anfangen wollen, wissen sie noch nicht. Bisher gebe es keine Pläne, sagte Schulleiterin Jutta Ramisch.

Quelle: HNA

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