Hauseigentümer wollen keinen Stolperstein

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Erinnerung soll weiterleben: Künstler und Stolperstein-Initiator Gunter Demnig bei einer früheren Verlegung in Gudensberg.

Gudensberg. Julie Lilienfeld war Jüdin und sie ist zum zweiten Mal nicht in Gudensberg erwünscht. So empfindet es jedenfalls ihre Enkelin Ursula Fröhlich.

Die 74-jährige Frau aus dem Rheinland wollte eigentlich zur Verlegung des Stolpersteins für ihre Großmutter am Mittwoch nach Gudensberg kommen. Die Reise hat sie abgesagt. Die Eigentümer des Hauses in Gudensberg weigern sich, dass der Stein vor ihrer Haustür im Bordstein versenkt wird.

Eine rechtliche Handhabe hat die Familie nicht. Der Bordstein ist öffentlicher Raum. Aber die Stadt wolle die Steine nur einvernehmlich mit den Eigentümern verlegen, sagt Jörg Daniel, ein Sprecher der Stadt und befasst mit den Stolpersteinen. Bis es eine Lösung gebe, soll der Stein in einer Vitrine im Kulturhaus Synagoge ausgestellt werden.

Die Familie argumentiere mit der Angst vor Neonazis, der Erklärungsnot vor den Kindern und der persönlichen Belastung, den Stein und die damit verbundene Geschichte täglich zu sehen. Die Familie war am Freitag nicht zu erreichen.

www.stolpersteine.com

"Ich bin enttäuscht, dass es immer noch Menschen gibt, die sich gegen das Erinnern unserer Gräueltaten stellen", sagt Gunter Demnig, der Künstler und Initiator der Stolpersteine. Er wird die anderen Steine am Mittwoch in Gudensberg verlegen. 35.000 Stolpersteine seien mittlerweile in Europa verlegt. Noch nie habe es Anfeindungen gegen Eigentümer gegeben.

Gerade das Argument mit den Neonazis sei daher völlig an den Haaren herbeigezogen und hanebüchen. Es habe vereinzelt Schmierereien in der Nähe der Steine geben und er wisse von einem Fall bei dem die Schaufensterscheibe eines Geschäfts eingeworfen worden war. "Wir müssen unseren Kindern unsere Geschichte ja nicht mit dem Holzhammer erklären, aber erklären müssen wir sie ihnen irgendwann ohnehin. Es gibt auch sensiblere Möglichkeiten ihnen Schritt für Schritt zu erklären, was es mit den Steinen auf sich hat." Wer das anders sehe, habe keine Krempe am Hut, sagt Demnig.

Vor allem müsse sich die Stadt überlegen, wie sie sich angesichts solch Ausreden positioniere. In Ettenheim im Breisgau hatten sich auch zwei Hauseigentümer geweigert. Die Stadtverordneten beschlossen mit eindeutiger Mehrheit eine Verlegung der Steine. Die Verweigerer seien aber absolute Einzelfälle und nicht in Prozentangaben auszudrücken, relativiert Demnig. Das Projekt zeigt nicht in die Vergangenheit, es solle Mut machen, sich mit der Gegenwart und der Zukunft zu beschäftigen. Gerade Kinder und Jugendliche seien sehr daran interessiert, zu erfahren, was damals im Dritten Reich geschehen ist.

"Wir sind alle in der Pflicht, alles zu tun, was in unserer Kraft steht, ein solches Leid zu verhindern." Er fühle sich verantwortlich, trotz der Gunst der späten Geburt. Demnig ist 64 Jahre alt, er wurde 1947 geboren. "Ich gehe weiter." Das sagt der, der bisher als einziger der Initiative mit Morddrohungen bedacht wurde.

Ursula Fröhlich wünscht sich, dass ihre Großmutter zu ihrem Geburtshaus zurückkehren kann. Dass sie wieder willkommen in Gudensberg ist.

Quelle: HNA

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