Martin Hentschker

Er will an Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern

Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung: Dieser Stein wurde 2008 in Harle aufgestellt. Dafür eingesetzt hatten sich (von rechts) Martin Hentschker, der nach der Flucht aus Schlesien eine neue Heimat in Harle fand und später nach Melsungen zog, und der damalige Harler Ortsvorsteher Otto Wurm. Foto: Féaux de Lacroix

Melsungen/Harle. Am zweiten Sonntag im September wird in Hessen der Tag der Heimat gefeiert - in Gedenken an jene Menschen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat in den ehemaligen deutschen Ostgebieten verlassen mussten.

Aus diesem Anlass sprachen wir mit Martin Hentschker, der 1945 aus Schlesien in den Schwalm-Eder-Kreis flüchtete.

Martin Hentschker kämpft gegen das Vergessen: Der 78-Jährige will, dass das Leid der Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren, in Erinnerung bleibt. „Heimatrecht ist Menschenrecht“, sagt er. Deshalb ist es ihm auch wichtig, dass es den Tag der Heimat gibt - an diesem Tag wird auch in Hessen den Opfern von Flucht und Vertreibung gedacht.

Hentschker flüchtete 1945 im Alter von acht Jahren mit seiner Familie aus Oberschlesien in die heutige Bundesrepublik Deutschland. Sein Vater war bereits 1943 in der Rüstungsindustrie tödlich verunglückt. Zuflucht fand Hentschker zunächst in Wabern-Harle, seit 1956 lebt er in Melsungen. „Wir wurden hier gut aufgenommen“, sagt Hentschker.

„Die führenden Personen in den Vertriebenenverbänden waren anfangs ehemalige Nazis. Davon wollte ich nichts wissen.“

Jahrzehnte später, zum Dorfjubiläum von Harle im Jahr 2008, setzte sich Hentschker dafür ein, dass in dem Ort ein Gedenkstein aufgestellt wurde: Er sollte an die etwa 250 Vertriebenen und Flüchtlinge erinnern, die 1946 nach Harle kamen. Unterstützt wurde Hentschker dabei vom damaligen Harler Ortsvorsteher Otto Wurm. „Das wurde ganz, ganz positiv aufgenommen“, sagt Hentschker. „Da gab es keinen Widerspruch, keine böse Stimme.“ Hentschker weiß, dass diese freundliche Haltung nicht selbstverständlich ist. Denn die Heimatvertriebenen haben in Deutschland zum Teil einen zweifelhaften Ruf, weil man ihnen die Verbreitung von rechtsextremem Gedankengut vorwirft. „Die führenden Personen in den Vertriebenenverbänden waren anfangs ehemalige Nazis“, sagt der 78-Jährige, „davon wollte ich nichts wissen.“

Bis heute ist Hentschker nicht im Bund der Vertriebenen organisiert. „Man kann sich für seine Heimat auch ohne Verein engagieren“, stellt er klar. Und das tut Hentschker: In Schulen erzählt er von seinen Erlebnissen während der Flucht von Schlesien in die heutige Bundesrepublik. „Da sitzen dann 16-Jährige, die mir zuhören, mir Fragen stellen“, sagt er. „Durch Flucht und Vertreibung sind mehr als zwei Millionen Menschen zu Tode gekommen, das kommt im Geschichtsunterricht kaum vor.“

Um so wichtiger ist es aus Sicht von Hentschker, dass es einen Gedenktag für die Vertriebenen gibt. „Wir wollen nur daran erinnern, was war -damit es niemand vergisst.“ In Harle jedenfalls wird so schnell wohl niemand die Vertriebenen vergessen. Dafür sorgt auch der ehemalige Ortsvorsteher Otto Wurm: Er schaue noch immer regelmäßig bei dem Gedenkstein vorbei und halte den Platz in Ordnung, auf dem der Stein steht, erzählt er.

Trotz seiner traurigen Geschichte fühlt sich Martin Hentschker heute nicht heimatlos - im Gegenteil. „Das hier ist meine zweite Heimat“, sagt er. „Ich bin reicher als andere, die nur eine Heimat haben.“

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

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