Gerhard Baum verschickt die HNA von Körle nach Australien, wo er lange gelebt hat

Heimatgefühl zum Lesen

Andenken an Australien: Gerhard Baum hat noch immer Sehnsucht nach dem Land, aus dem er vor mehr als 50 Jahren zurückgekehrt ist. Foto: Féaux de Lacroix

Körle. Auf Gerhard Baums Esstisch liegen zwei Zeitungen: die HNA und der Daily Telegraph aus Sydney. Australien ist Baums Leidenschaft, Freunde und Familie von ihm leben dort. Den Kontakt hält er auf ungewöhnliche Art: Regelmäßig sendet er eine Ausgabe der HNA nach Australien, im Gegenzug bekommt er australische Zeitungen nach Körle geschickt, wo die Baums seit 17 Jahren leben.

„Ich will ja wissen, was in Australien passiert“, sagt der gebürtige Wildecker. „Und die Leute dort sollen wissen, was hier passiert.“ Wann immer er in der Zeitung etwas entdeckt, was auch die Menschen auf der anderen Seite der Erde interessieren könnte, schickt er deshalb ein Päckchen los.

Sechs Jahre lang war Australien die Heimat von Gerhard Baum und seiner Familie. „Ich stelle mir oft die Frage, warum ich überhaupt zurückgekommen bin“, sagt der 84-Jährige. Er lächelt, aber in seiner Stimme liegt Wehmut.

„Die Welt haben wir gesehen, wir können ruhig das Gras von unten angucken.“

Gerhard Baum

Die australische Zeitung ist nicht das Einzige, was im Haus der Baums an Australien erinnert: eine kleine Holzschnitzerei auf dem Tisch, Australien-Karten an den Wänden, ein Pfeffer- und Salzstreuer in Känguru-Form im Regal. Neue Andenken werden wohl nicht mehr dazu kommen – seit einigen Jahren schon sind die Baums nicht mehr nach Australien gereist, Gerhard Baums Frau Helena ist an Demenz erkrankt.

Während ihre Erinnerung schwindet, ist die von Gerhard Baum umso lebendiger. Wenn er beginnt, von der Zeit in Australien zu erzählen, ist er kaum noch zu bremsen. Manchmal unterbricht er sich selbst: „Das wird jetzt zu lang“, sagt er, „das ist wieder ‘ne andere Story.“ Was er erzählt, klingt abenteuerlich. Dabei war es nicht die Abenteuerlust, die Gerhard Baum und seine Frau im Juli 1953 dazu brachte, nach Australien auszuwandern. Gerhard Baum suchte Arbeit. In Australien hatte der Bruder seiner Frau eine Weberei, so kamen die Baums darauf, dorthin auszuwandern.

Also bestieg Gerhard Baum mit seiner Frau und dem damals dreijährigen Sohn Rolf in Bremen ein Schiff Richtung Melbourne. „33 Tage waren wir auf See“, erzählt er. Das Schiff lief auf Grund, später geriet es in einen Sturm. Die Baums erlebten eine Blinddarmoperation an Bord und einen Haifischfang. „Ich habe damals gesagt: Wenn wir diese Reise überstehen, kann uns nichts mehr erschüttern“, erinnert sich Gerhard Baum.

Sie überstanden die Reise, und der Deutsche fand Arbeit in Australien. Er half, eine Wasserleitung zu bauen, arbeitete bei der Eisenbahn und erntete Weintrauben. Zwei Söhne, John und Robin, kamen in Australien zur Welt. Vielleicht würden die Baums bis heute in Australien leben – wäre da nicht 1959 dieser Brief von Gerhard Baums Vater gewesen. „Er schrieb, dass er bald sterben müsse, und bat mich, zurückzukommen“, erzählt Baum. Zu Weihnachten packte die Familie ihre Koffer und kehrte zurück nach Deutschland. Die Baums sind seitdem noch mehrfach nach Australien gereist, das geht nun nicht mehr. Gerhard Baum sieht es gelassen: „Die Welt haben wir gesehen, wir können ruhig das Gras von unten angucken“, sagt er und schmunzelt. Jetzt müssen die Andenken genügen, um die Erinnerung aufzufrischen – und die australische Tageszeitung auf dem Esstisch.

Von Judith Féaux de Lacroix

Quelle: HNA

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