Zu Forschungszwecken

Experimente in Treysa: Heimkinder sollen unter schmerzhaften Eingriffen gelitten haben

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Hephata in den 1950er-Jahren: Das evangelische Kinder- und Jugendheim war auf einem Gelände am Ortsausgang Treysas untergebracht. 

Treysa/Wiesbaden. Neben Medizintests an Heimkindern soll es in Treysa auch schmerzhafte Eingriffe gegeben haben, das legt ein Dokumentarfilm der Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer nahe.

Heimkinder in der Nachkriegszeit haben oftmals großes Leid erfahren, auch in hessischen Einrichtungen. So sollen sie in den 1950er- und 60er-Jahren unter anderem für Medikamentenversuche missbraucht worden sein. Ein Dokumentarfilm der Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer legt jetzt nahe, dass es auch schmerzhafte medizinische Eingriffe zu Forschungszwecken gegeben haben soll.

In dem Film „Kopf, Herz, Tisch – Die psychiatrisierte Kindheit“ arbeitet Toepfer im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) das Schicksal der Heimkinder auf. Sie hat dazu sowohl Zeitzeugen als auch Experten befragt und Dokumente gesichtet. Dabei stieß sie auf Beiträge zu einer Tagung im Bundeskriminalamt Wiesbaden im Jahr 1954 zum Thema Bekämpfung der Jugendkriminalität.

Darin berichtete der Arzt H. Henck, ein Mitarbeiter der „Anstalten Hephata in Treysa“, der Chefarzt des evangelischen Kinder- und Jugendheims im Schwalm-Eder-Kreis, Willi Enke, habe in der Einrichtung „über 400 Fälle von jugendlichen ,Schwererziehbaren‘“ untersucht, „zu einem großen Teil auch (...) encephalographisch“. Bei der Encephalographie handelt es sich um eine Röntgenuntersuchung der Hirnventrikel. Dazu wird Hirnflüssigkeit durch Punktion mit einer Nadel aus dem Kopf abgelassen und Luft in den Schädelraum eingeleitet.

Auch Enke selbst, in der NS-Zeit Direktor der Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg (Sachen-Anhalt), schilderte in seinem Tagungsbeitrag, derartige Untersuchungen in Treysa vorgenommen zu haben. Damals war dieser Eingriff nicht unüblich. Das bestätigt in dem Film auch der Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke. Die Methode bot erstmals die Möglichkeit, bei geschlossener Schädeldecke die Hirnwindungen radiografisch darzustellen. Doch sie war schmerzhaft und riskant. Blutungen, Krampfanfälle und Entzündungen des Gehirns bis hin zum Tod waren mögliche Folgen.

Die Hephata in Treysa kann „eine Reihenuntersuchung an mehreren hundert Kindern“ nach eigenen Angaben „anhand vorliegender Akten“ weder bestätigen noch ausschließen. Dass das Verfahren der Pneumoencephalographie in den 1950er-Jahren in der Hephata Diakonie zur Diagnostik eingesetzt worden ist, könne indes bestätigt werden, schreibt Vorstandssprecher Maik Dietrich-Gibhardt in einer Stellungnahme. In Stichproben der noch vorliegenden Patientenakten sei insgesamt achtmal das Stichwort Encephalographie entdeckt worden. In sieben Fällen sei dokumentiert, dass eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten eingeholt worden sei – in sechs Fällen liege diese auch vor. Im Auftrag der Hephata soll nun der Medizinhistoriker Volker Roelcke die alten Akten prüfen und die Vorgänge klären. •Der Film soll während einer Tagung der EKHN vom 26. bis 28. April in Frankfurt vorgestellt werden.

Quelle: HNA

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