Arbeitskreis kümmert sich gerade jetzt um Geflüchtete

Schwalmstadt: Helfen trotz Quarantäne

Vor der Gemeinschaftsunterkunft am Harthberg: Jochen Helwig und seine Mitstreiter vom Arbeitskreis für Toleranz und Menschenwürde lassen die Menschen auch jetzt nicht im Stich.
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Vor der Gemeinschaftsunterkunft am Harthberg: Jochen Helwig und seine Mitstreiter vom Arbeitskreis für Toleranz und Menschenwürde lassen die Menschen auch jetzt nicht im Stich.

Es ist herbstlich geworden, die aktuell gut 50 Bewohner des Hauses am Harthberg 5 halten sich an diesem Morgen noch alle im Innern auf. Nur zwei Leute eines Securitiy-Dienstes gehen langsam auf dem eingezäunten Grundstück auf und ab. Sie sind da, um sicherzustellen, dass wirklich niemand die Quarantäne bricht, die seit Anfang voriger Woche besteht.

Treysa - Zunächst waren vier Bewohner positiv auf Corona getestet worden. Nachdem alle Männer, Frauen und Kinder im Testzentrum in Homberg waren – sie wurden in Bussen dorthin gefahren – erhöhte sich die Zahl auf sieben Infizierte. Sie leben derzeit isoliert an einem anderen Ort, teilte der Kreis auf HNA-Anfrage mit.

Da ist Mohammed aus dem Jemen. Wie fast jeden Vormittag erledigt er Arbeiten, gelb behandschuht wirft er Müllsäcke in die Container. Mohammed ist der mit weitem Abstand der längste Bewohner am Harthberg, seit 18 Jahren lebt der 40-Jährige aus dem Jemen hier. Jochen Helwig vom Arbeitskreis für Toleranz und Menschenwürde kennt ihn seit all den Jahren, „Mohammed wartet, dass der Krieg dort zu Ende geht und er zurückkehren kann“. Eine ältere Frau steht an einem Fenster mit Blick zur dahinter liegenden Kaserne, heute Gewerbepark, und telefoniert.

Fußball als Zeitvertreib

In den 1990er Jahren lebten fast ausschließlich alleinreisende Männer in dieser Gemeinschaftsunterkunft – in Spitzen bis zu 120 Personen. Heute sind auch Familien und Frauen hier untergebracht. Das tut der Hausgemeinschaft gut, erzählt der Heimleiter, der lieber anonym bleiben will, auch er seit vielen Jahren hier an Bord.

Die Menschen im Heim haben jetzt noch weniger Eile, ins Freie zu kommen, der Tag ist lang. Mit kleinen Arbeiten, kochen oder schlafen vertreibt man sich nun die Zeit, wo auch der Weg zum Einkaufen, in die Schule oder die Kita entfällt. Später fahren die Kinder auf dem Hof ein bisschen Rad, jeden Tag wird Fußball gespielt, demnächst sollen mithilfe des Arbeitskreises neue mobile Tore angeschafft werden. Tischtennis ist auch beliebt.

Wie lange die Quarantäne noch dauert, steht noch nicht fest. Es gelte der Satz „so kurz wie möglich, aber so lange wie nötig“, schreibt auf Anfrage Kreissprecher Stephan Bürger. Erst nach der offiziellen Aufhebung dürfen die Bewohner das Gelände wieder verlassen.

Bäckerei spendet Brot und Backwaren

Für die Versorgung der Menschen im Haus ist der Kreis zuständig, der Arbeitskreis bringt sich – trotz Quarantäne – fast unvermindert ein. Nur direkter Sprachunterricht zum Beispiel unterbleibt derzeit. Nach Listen kaufen die Helfer für die Bewohner ein, Internetkarten – „telefonischer Kontakt ist gerade jetzt enorm wichtig“ – Kartoffeln, Reis, Kindernahrung, Brot.

Wobei Brot rund ums Jahr jeden Tag außer sonntags in die Unterkunft gefahren wird. Allabendlich nehmen Arbeitskreisfahrer bei der Bäckerei Möller in Treysa nicht verkaufte Backwaren vom selben Tag entgegen und bringen sie an den Harthberg. Die Bäckerei Möller spendet ihre Überschüsse schon seit vielen Jahren, fünf ehrenamtliche Fahrer wechseln sich im Brotdienst ab.

In die Zeitung will kaum einer der derzeit 15 Helfer, sie wünschen kein Aufhebens um sich selbst. Zurzeit ist ihre Unterstützung noch wichtiger, um die Menschen mit ihren Sprachbarrieren über die Quarantäne aufzuklären. Jede zweite Woche kommt der Arbeitskreis zusammen zur Besprechung. Die Schwalmstädter sind mit ihrer vorbildlichen Arbeit ein Rollenmodell auch für andere Gruppen im Kreis geworden.

Von Anfang an, seit 1992/93, sind Silvia Scheffer, Klaus Schubert und Jochen Helwig dabei. Während Silvia Scheffer im Gespräch mit der HNA sagt, dass der Landkreis früher hätte informieren sollen über die Coronalage am Harthberg, drückt sich Helwig diplomatischer aus: „Es wurde im Großen und Ganzen gut informiert.“

Von Anne Quehl

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