Die großen Vögel könnten auch in Hessen brüten

Warten auf die Kraniche: Der Herbstzug steht kurz bevor

Die Graukraniche haben sich in diesem Jahr besonders früh für ihren Abflug in den Süden Europas an den großen Rastplätzen gesammelt. Das Bild zeigt Kraniche in der Morgensonne bei Sachsendorf in Brandenburg. Foto:  Patrick Pleul/dpa

Der heiße Sommer hat wohl auch den Flugplan der Kraniche durcheinander gebracht. Schon früh haben sie sich an ihren Rastplätzen versammelt. Nun steht der Herbstzug kurz bevor.

An der Ostseeküste, in der Diepholzer Moorniederung, bei Linum (Brandenburg) und am Kelbra-Stausee am Kyffhäuser futtern sich die Vögel die Energie an, die sie für den bevorstehenden Zug brauchen.

Unsere Region liegt an einer der Hauptzugrouten zwischen den Brutgebieten rund um die Ostsee und den Winterquartieren in Spanien, Frankreich und Portugal. Die Vögel fliegen vor allem über Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder und den Kreis Kassel.

Sie suchen sich neben den angestammten Routen neue Wege. Seit einigen Jahren beobachten Vogelkundler, dass Kraniche verstärkt über den Raum Eschwege ziehen, berichtet Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. Diese Vögel kommen aus Linum. Dort ist im Havelluch (Feuchtgebiet) vor etwa 20 Jahren das größte binnenländische Rastgebiet Deutschlands entstanden. Mehrere zehntausende Kraniche fressen dort Mais oder Getreide, das nach der Ernte liegen geblieben ist. Zum Teil wird an Rastplätzen zugefüttert, um sie von anderen Flächen fernzuhalten. In der Zugzeit braucht ein Tier bis zu 300 Gramm Körner täglich.

Beobachter erkennen ziehende Vögel an der V-förmigen Formation und an ihren trompetenartigen Rufen. Erfahrene Tiere fliegen an der Spitze, dann folgen Familien mit durchschnittlich zwei Jungtieren. Manchmal übernachten Kraniche in der Region. Dann können große Schwärme an Weser, Fulda, Werra und Eder oder auch im trockengefallenen Edersee niedergehen. Sie brauchen Ruhe, um sich vom Flug zu erholen. Deshalb bitten Naturschützer, mindestens 300 Meter Abstand von diesen Gruppen zu halten.

Vogelkundler schätzen, dass in Deutschland etwa 8000 Brutpaare in ruhigen Bruchwäldern und Auen vor allem in Nord- und Mitteldeutschland leben. Von dort breiten sie sich langsam aus. Deshalb wird damit gerechnet, dass Kraniche auch in Hessen brüten. Die Wetterau und der Rhäden von Obersuhl sind Gebiete, die besiedelt werden könnten, sagt Stefan Stübing.

Vorboten sind schon da: Im Schwalm-Eder-Kreis haben Ornithologen in diesem Jahr erstmals einen Kranich beobachtet, der dort den Sommer verbrachte. Auch im Amöneburger Becken bei Marburg sind die Vögel über Sommer geblieben. Und manche ersparen sich inzwischen sogar den anstrengenden Flug gen Süden: In der Diepholzer Moorniederung nördlich von Osnabrück verbringen einige schon den Winter.

Für ihren Schutz setzen Naturschutzverbände auch auf die Unterstützung von Laien. Denn je mehr Informationen vorliegen, desto besser können die Verbände Schutzvorhaben umsetzen. Kranich-Beobachtungen können beim „Naturgucker“ über die Internet-Seite des Naturschutzbundes oder im Portal ornitho.de eingegeben werden.

Allgemeine Informationen sowie zum Zuggeschehen gibt es unter anderem unter www.kraniche.de

Schon gewusst?

• Der Kranich ist der einzige Vertretrer dieser Vogelfamilie in Nord- und Mitteleuropa. Der Bestand insgesamt nimmt zu. Deshalb gelten Kraniche derzeit nicht als gefährdet. Auch in Deutschland breiten sich die Vögel aus. Im europäischen Teil Russlands, in Sibirien und der Türkei nimmt ihr Bestand dagegen ab.

• Die Vögel sind ausdauernde Flieger. Sie können bis zu 2000 Kilometer am Stück zurücklegen. Üblich sind aber Strecken von zehn bis 100 Kilometern am Tag. Ihre Spannweite beträgt etwa 2,20 Meter.

• Kraniche brüten an leicht erhöhten Stellen in Gewässern. Auf diese Weise schützen sie den Nachwuchs vor Bodenfeinden.

• Nachwuchs und Eltern haben über längere Zeit eine enge Bindung. In Familiengruppen starten sie zum Zug in den Süden, in größeren Gruppen suchen die Familienmitglieder die gemeinsame Nähe. Im Winterquartier endet diese Familienbande meistens. Aber auch während des Frühjahrszugs werden noch Jungvögel im Familienverband beobachtet.

Von Bernd Schünemann

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