Karl-Heinz Hirth (71) brachte 55 Jahre als Kaufmann Tuch und Wolle an die Schwälmer Kunden

Herr über die schmucken Stoffe

Leinen, Damast und Baumwolle: Karl-Heinz Hirth (71) und Ehefrau Gerda geben am Wochenende ihr Stoff- und Kurzwarengeschäft in der Treysaer Bahnhofstraße auf. Foto: Rose

Treysa. Schon als Junge war Karl-Heinz Hirth ein Liebhaber von Brokatstoffen: „Man kann sich in Stoffe wirklich verlieben“, sagt der Treysaer Kaufmann. Aus der Liebe wurde später sein Beruf. Auch ein Stück Berufung. 55 Jahre lang verkaufte Hirth in Treysa Stoffe, Kurzwaren, Gardinen und Wolle. Jetzt schließt er sein Geschäft.

Dabei sah es anfangs nicht so aus, als würde Hirth mal der Herr über schmucke Stoffe werden: Als der Treysaer mit 14 Jahren aus der Schule kam, machte er zunächst eine Maurerlehre. Beim Onkel in Lischeid, der unter seinem Namen Montanus einen Großhandel für Textilien unterhielt, half Hirth oft aus. Schließlich absolvierte er eine Ausbildung zum Kaufmann. Gemeinsam mit der Tante eröffnete Karl-Heinz Hirth 1958 in der Bahnhofstraße ein Restegeschäft.

„Das waren Zeiten, in denen in jedem Haushalt genäht wurde. Und jede Frau wollte die schönste sein“, erzählt er. Nach sieben Jahren zogen Chef und Belegschaft in die Wagnergasse um. Hirth hat jeden Stoff-Trend mitgemacht: Gut erinnert er sich an die eleganten Jerseystoffe, an spezielle, innen angeraute Schlafanzugstoffe und die Erfindung von Trevira – dem ersten Stoff, der nicht gebügelt werden musste.

„Früher wurde längst nicht nur Kleidung genäht. Auch Bettwäsche nähte man aus feinstem Damast selbst.“ 30 aktive Schneiderinnen habe es damals in der Schwalm gegeben: „Heute sind es noch zwei“, bedauert er. Als der Kaufmann vor mehr als 20 Jahren in die Räume in der Bahnhofstraße zog, erweiterte er den Service. Drei Mitarbeiter waren für das Nähen von Kleidern, Kostümen und Gardinen zuständig, sieben Frauen arbeiteten im Verkauf. Vor 25 Jahren eröffnete Hirth außerdem eine Filiale in Kirchhain. Die hat mittlerweile seine jüngste Tochter übernommen.

Konkurrenz von der Stange

Wie stark sich die Branche verändert hat, hat der Unternehmer in den vergangenen Jahren stark gespürt: „Früher nähten wir für den Karneval 60 Kleider, heute sind es, wenn wir Glück haben, zwei.“ Dabei sei ein genähtes Kleid nicht teurer als ein konfektioniertes Modell. „Aber heute kaufen die Leute alles von der Stange“, sagt er. Sein Entschluss, das Geschäft zu schließen, habe er schnell fällen müssen. „Ich bin gesundheitlich angeschlagen und die Baustellen hier in Treysa haben mir 50 Prozent Umsatzeinbußen beschert. Durch den Abverkauf sind wir gerade noch mit einem blauen Auge davon gekommen.“

Das Geschäft habe viel Kraft in Anspruch genommen, die er ohne Ehefrau Gerda nicht hätte aufbringen können.

Am Samstag wird Karl-Heinz Hirth nun zum vorerst letzten Mal hinter dem Verkaufstresen stehen. Ihn freut, dass Tochter Silvia einen Teil der Räume übernimmt. Zwar wird sie auch mit Wolle, Kurzwaren und Walkstoffen handeln, aber das Geschäft der Eltern führt sie nicht weiter.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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