Waldbesitzer vor Problemen

Hessen-Forst zieht sich aus Holzverkauf zurück - Waldbesitzer wollen keine "Urwälder"

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Auf größere Waldbesitzer kommen Probleme zu: Philipp Russell, Inhaber des Guts Hohenborn, ist Vorsitzender der Kreisgruppe Kassel im Hessischen Waldbesitzerverband, zu dem sich 70 private und kommunale Waldbesitzer zusammengeschlossen haben. Russell hofft, dass es in den kommenden Monaten gelingt, den Holzverkauf neu zu organisieren.

Wolfhager Land. Gravierender Wandel bei der Holzvermarktung: Hessen-Forst wird Holz aus Privat-, Kommunal- und Gemeinschaftswäldern mit Flächen größer 100 Hektar ab Juli nicht mehr wie bisher über Verträge der Zentrale in Kassel vermitteln.

Für regionale Waldbesitzer soll vorerst das Forstamt Wolfhagen diese Aufgabe übernehmen, bevor die Vermarktung von einer neuen Holzverkaufsorganisation (HVO) gemanagt werden könnte. Wie ab 2019 eine Betreuung der Waldbesitzer durch die Forstämter aussehen kann, wird derzeit verhandelt. 

Die aktuelle Entwicklung fußt auf einem Streit zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Bundeskartellamt, welches einen Verstoß gegen das Gesetz der Wettbewerbsbeschränkung sah und das in dieser Sache vom Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf zunächst Recht bekommen hatte. Mitte Juni aber hob der Bundesgerichtshof das OLG-Urteil auf, und zwar aus verfahrensrechtlichen Gründen. In der Sache, ob die gebündelte Vermarktung ab einer bestimmten Größe durch das Land zu Wettbewerbsverzerrungen führt, äußerte es sich nicht. 

Staatlich betreute Waldbesitzer über 100 Hektar stellen sich auf massive Veränderungen ein. Sie können sich in einer HVO zusammenschließen oder müssen sich jemanden suchen, der für sie das Holz verkauft. „Viele sehen sich in einer Drohkulisse. Sie fragen sich, was sie machen sollen, wenn Hessen-Forst sich zurückzieht“, sagt Philipp Russell, Vorsitzender der Kreisgruppe Kassel im Waldbesitzerverband.

Im Gebiet, das von Forstamt Wolfhagen bewirtschaftet wird, gibt es 19 Besitzer mit Wäldern größer als 100 Hektar. 27 weitere haben kleinere Flächen. Ihr Holz wird weiterhin von Hessen-Forst vermarktet. Allerdings befürchtet Russell für sie höhere Kosten.

Stefan Hable: Kleinere Einheiten bilden

Naumburgs Bürgermeister Stefan Hable (CDU) sieht den Rückzug Hessen-Forsts aus der Holzvermarktung sehr kritisch. Der Landesbetrieb sei ein guter Partner gewesen und müsse auch künftig beim Holzverkauf für Kommunen eine Rolle spielen. Sein Vorschlag: Wenn es schon keine zentralisierte, gebündelte Vermarktung von Holz über die Landesbetriebsleitung mehr geben darf, sollten auf regionaler Ebene kleinere Verkaufseinheiten unter Beteiligung der lokalen Forstämter gebildet werden, die weiterhin kommunales Holz von Flächen verkaufen dürfen, die größer als 100 Hektar sind. Auch müsse den kommunalen und privaten Waldbesitzern eine längere Übergangszeit für die Umorganisation eingeräumt werden. Naumburg gehören 1250 Hektar Wald, der jährliche Erlös aus Holzverkäufen liegt bei bis zu 200.000 Euro.

Wollen keine Urwälder

Wolfhager Land. Hessen ist bekannt für seinen Waldreichtum. Die Zahl der Eigentümer ist enorm und regional extrem unterschiedlich. Während der Taunus geprägt ist von Kommunalwald, dominieren im Odenwald kleine Privatwälder. Im Zuständigkeitsbereich des Forstamtes Wolfhagen herrscht eine gemischte, kleinteilige Struktur vor. Zwei Drittel der hier bislang von Hessen-Forst betreuten 18 000 Hektar Wald entfallen auf kommunale und private Besitzer.

Seit einem Wettbewerbsstreit der Sägewerker mit dem Land Baden-Württemberg schaut das Bundeskartellamt mit Argusaugen auf die Holzvermarktung, für die im Wolfhager Land bislang Hessen-Forst zuständig ist – nicht nur in den Staatswäldern, sondern auch auf kommunalen, privaten und gemeinschaftlichen Flächen. Doch das Bundeskartellamt macht Druck. Und Hessen-Forst reagiert.

Riesiges Problem

Für alle Flächen, die dem Land nicht gehören und die größer als 100 Hektar sind, will der Landesbetrieb aus der gebündelten Vermarktung aussteigen – spätestens zum 1. Januar 2020, bereits im Juli wird es erste Rückzugsbewegungen geben. Aus Sicht der Kommunen ist das ein riesiges Problem. Stefan Hable, Bürgermeister von Naumburg, macht sich Gedanken. Bislang sei die Holzvermarktung in Hessen zentral, in großen Einheiten organisiert gewesen. Er plädiert für die Schaffung kleiner, regionaler Strukturen, in denen Hessen-Forst weiterhin eine wichtige Rolle beim Verkauf des Holzes spielt. Eine Stadt wie Naumburg könne sich keinen eigenen Förster leisten, der sich dann nur um den Holzverkauf kümmert. Denn alle anderen Aufgaben rund um die Bewirtschaftung des Waldes, also Pflege und Naturschutz, sollen ja bei Hessen-Forst bleiben.

Auch sei es für Naumburg keine Option, die Bäume solange im Wald stehen zu lassen, bis eine Lösung im Konflikt gefunden ist, sagt Stefan Hable. Immerhin sei die Stadtkasse auf die Verkaufserlöse im jährlich unteren sechsstelligen Bereich angewiesen.

Die Holzverkaufsorganisationen, deren Gründung vom Land Hessen ins Spiel gebracht wurde und die künftig die Vermarktung kommunalen und privaten Holzes organisieren sollen, werfen für Hable Fragen hinsichtlich des Wettbewerbsrechtes auf. Immerhin würden in anderen Bereichen für privatwirtschaftliche und kommunale Aktivitäten unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen und Vergaberechte gelten.

Holz könnte stehen bleiben

Sorgen um die Zukunft der Wälder macht sich auch Philipp Russell. Als Chef der Kreisgruppe Kassel im Hessischen Waldbesitzerverband vertritt er die Interessen kommunaler und privater Waldeigentümer. Wenn die Neuorganisation des Verkaufs nicht für alle Beteiligten ein akzeptables Ergebnis liefert, fürchtet er, dass Holz in den Wäldern stehen bleibt – zumindest für Gemeinschaftswälder sei das eine Variante, auf die anstehenden Veränderungen und möglicherweise steigenden Kosten zu reagieren. Und vielleicht „ist es genau das, was die grüne Ministerin bezweckt“, sagt Russell und spielt damit auf Bestrebungen an, möglichst große Flächen stillzulegen und sie in „Urwälder“ zu verwandeln.

Russell hingegen geht es darum, dass die Wälder weiter bewirtschaftet werden und Arbeitsplätze erhalten bleiben. „Holz ist ein wichtiger Rohstoff.“ Die Mitglieder im Waldbesitzerverband seien mit der Arbeit von Hessen-Forst sehr zufrieden. Insbesondere der persönliche Kontakt zu den Gebietsförstern sei sehr wertvoll. Er hofft, dass die Gespräche in den kommenden Wochen zu einem tragfähigen Kompromiss führen und es zu keinen Kostensteigerungen kommt.

Mehraufwand für kleine Waldbesitzer

Künftig muss das Staatswaldholz vom Holz aus Wäldern kommunaler und privater Besitzer getrennt vermarktet werden. Doch auch Uwe Zindel, Leiter des Forstamtes Wolfhagen, hofft, dass seine Behörde auch weiterhin in den Verkauf von Holz aus den betreuten Wäldern involviert sein wird.

Bislang hätten Holzkunden die Verhandlungen mit Hessen-Forst geführt. Sie hätten sich auf gesicherte Kontingente verlassen können, alles sei in einer Hand gewesen. Müsste nun jeder Waldbesitzer mit Flächen ab 100 Hektar Größe sein Holz selbst verkaufen, fehlen dem Einzelnen einerseits die Marktrelevanz und der Überblick. Andererseits würden die Säger und sonstigen Holzkunden für die Beschaffung ihres Bedarfs unverhältnismäßig Personal aufstocken müssen. „Kleine Waldbesitzer fallen dann schnell durchs Raster gerade der großen Kunden“, so Zindel.

Hintergrund: Flächenaufteilung

In Hessen fällt der größte Anteil am Wald dem Land zu, ihm gehören 40 Prozent. Weitere 35 Prozent befinden sich im Eigentum der Kommunen, das restliche Viertel ist Privatwald. Nach Angaben des Waldbesitzerverbandes teilen sich 60.000 Einzeleigentümer und 370 Waldgemeinschaften den Privatwald auf. Das Forstamt Wolfhagen hat bislang 18.800 Hektar Wald betreut. Nur bei etwa einem Drittel davon handelt es sich um Staatswald. Der Anteil der Kommunalwälder liegt bei 7.500 Hektar. Daneben betreut das Forstamt Privatwaldbetriebe und Gemeinschaftswaldungen mit einer Fläche von 4.300 Hektar.

Quelle: HNA

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