Aufklärung

Hessen will keine Pflicht zum Besuch von KZ-Gedenkstätten

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Der Besuch von Auschwitz soll Schulen nicht vorgeschrieben werden können, meint Hessens Kultusminister.

Kultusminister Lorz lehnt Vorschlag ab. Er sagt: „Zwang kann zu Abwehrhaltung führen“. Der Zentralrat der Juden sieht das anders.

Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat sich dagegen gewandt, den Besuch einer KZ-Gedenkstätte für Schülerinnen und Schüler zur Pflicht zu machen. In seiner Antwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Turgut Yüksel beruft sich Lorz auf die Einschätzung der Landeszentrale für politische Bildung, „dass Zwang zu einer Abwehrhaltung aufseiten der Schülerinnen und Schüler führen könnte und damit kontraproduktiv sein kann“. Als „Negativbeispiel“ führt er die Pflichtbesuche der Gedenkstätten zu DDR-Zeiten an.

Angestoßen worden war die Debatte vom Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Er forderte vor fast fünf Jahren, „dass jeder Schüler ab der neunten Klasse verpflichtend eine KZ-Gedenkstätte besucht“. Zur Begründung sagte Schuster seinerzeit: „Theorie und Unterricht sind schließlich die eine Sache, das konkrete Erleben vor Ort, die plastische Anschauung die andere.“

Ähnlich äußerte sich in diesem Sommer die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer nach einem Besuch in Israel. Sie sei „davon überzeugt, dass der Besuch einer Gedenkstätte auf jedem Lehrplan stehen und sich jeder zumindest einmal in seinem Leben damit auseinandersetzen muss“, formulierte sie. Eine entsprechende Regelung gibt es nur in Bayern.

Lorz will sie in Hessen auch nicht einführen. „Die überwältigende Mehrheit der Gedenkstätten-Pädagogen und Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler spricht sich gegen verpflichtende Besuche von Gedenkstätten aus“, stellt er fest und nennt eine Reihe von Kronzeugen – von Volkhard Knigge, dem Direktor der Buchenwald-Gedenkstätte, bis zu Günter Morsch, dem ehemaligen Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen.

Der hessische Kultusminister macht allerdings klar, dass er „geführte Besuche von Schülerinnen und Schülern an historischen Orten mit einer ausführlichen Vor- und Nachbereitung im Unterricht ausdrücklich befürwortet“. Es müsse aber um „qualitativ hochwertige“ Angebote gehen, „anstatt auf eine rein quantitative Erhöhung durch verpflichtende Besuche in Gedenkstätten zu setzen“, schreibt Lorz. Er weist Fragesteller Yüksel, der sich nur nach „KZ-Gedenkstätten“ erkundigt hatte, zudem darauf hin, dass es auch um andere Gedenkstätten gehen könne. Lorz nennt etwa ehemalige Synagogen oder Gedenkstätten für die Opfer der Euthanasie-Morde wie im hessischen Hadamar.

Auch Sozialdemokrat Yüksel steht einer Pflicht zu Gedenkstätten-Besuchen skeptisch gegenüber. Er fordert aber eine Pflicht zur Auseinandersetzung mit dem Thema. „Schulen sollten sich selbst verpflichten, mit der Schülerschaft darüber zu diskutieren und zu beraten“, sagte er der FR. Die Zahlen zeigten, dass noch viel zu wenige Schulgruppen tatsächlich nach Auschwitz, Buchenwald oder zu anderen Gedenkstätten führen.

Besuch aus Hessen

231 Gruppen aus Hessen haben im abgelaufenen Schuljahr Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus besucht. Tatsächlich waren es sogar noch mehr, denn die offizielle Zahl umfasst nur Gruppen, die eine Förderung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Anspruch genommen haben. 

87 der Gruppen unternahmen mehrtägige Reisen, 144 eintägige. Es handelte sich nicht nur um Schüler, sondern auch um andere Jugend- und Erwachsenengruppen. 

Die Zahlen sind mit den Jahren gestiegen. Im Schuljahr 2017/18 waren 189 Gedenkstättenbesuche gefördert worden, im Jahr davor 187. 

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