„Wir möchten auch irgendwie helfen“

Junge Männer aus Nordhessen haben Angst um ihre Familien in Afghanistan

Mohammad und Jaqobi haben in Afghanistan mit Streitkräften aus Deutschland und England zusammengearbeitet. Das brachte sie in den Fokus der Taliban. Weil beide um ihr Leben und das ihrer Familien fürchteten, flüchteten sie vor ein paar Jahren nach Deutschland.
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Mohammad und Jaqobi haben in Afghanistan mit Streitkräften aus Deutschland und England zusammengearbeitet. Das brachte sie in den Fokus der Taliban. Weil beide um ihr Leben und das ihrer Familien fürchteten, flüchteten sie vor ein paar Jahren nach Deutschland.

Seit die Taliban Kabul eingenommen haben, sind Mohammad und Jaqobi aus Wolfhagen verzweifelt, weil sie Angst um ihre Familien haben. Die seien in Todesangst.

Wolfhagen – Jaqobi, Mohammad und Sharif sitzen auf den Bänken am Wolfhager Marktplatz zusammen. Aus Angst um ihre Familien in Kabul möchten sie ihre Nachnamen nicht preisgeben. Die Männer sind sichtlich mitgenommen, beim Gespräch stehen ihnen Tränen in den Augen.

Seit die Taliban in Kabul einmarschiert sind, können sie nicht mehr schlafen. Den versöhnlichen Aussagen der Taliban schenken sie keinerlei Glauben. In ihren Netzwerken tauschen sie grausame Videos von Hinrichtungen und Hausdurchsuchungen aus. 

Männer aus Wolfhagen flüchteten aus Afghanistan, um die eigene Familie zu schützen

Sharif, der als Logistikkaufmann bei einem örtlichen Unternehmen arbeitet, hat stundenlang versucht, über einen Kontakt der englischen Regierung, Hilfe zu erhalten. Seine Schwester sei als moderne junge Frau den Taliban ein Dorn im Auge. „Sie hat sich jetzt eine Burka organisiert“, berichtet Sharif.

Aber sie dürfe in Kabul das Haus ohnehin nicht verlassen, da Frauen dies nach den Regeln der Taliban nur in Begleitung eines Mannes dürften. Sharif und Mohammad haben als Soldaten mit den stationierten Deutschen und der britischen Armee zusammengearbeitet, dadurch sind sie in den Fokus der Taliban geraten. „In Deutschland wird immer gesagt, es flüchten nur junge Männer. Bei uns ist es aber so, dass wir das Problem für unsere Familien waren. Wir sind gegangen, um sie zu schützen“, erklärt Sharif. Sie würden gern in ihrer Heimat leben, aber eine Rückkehr nach Afghanistan sei nicht mehr möglich. Jetzt wäre die Hoffnung komplett zerstört.

Männer möchten Familien aus Afghanistan nach Wolfhagen holen – und wenden sich an die HNA

Jaqobi hat in Afghanistan mit seinem Vater und seinem Bruder im Straßenbau für die ausländischen Streitkräfte gearbeitet. Deshalb hätten die Taliban schon 2015 Vater und Bruder ermordet. Er sei mit 17 Jahren knapp davongekommen. Der 23-Jährige arbeitet, wie seine Landsleute, inzwischen bei einem Wolfhager Unternehmen.

Er hat sich mit einem Hilferuf an die HNA gewandt: „Ich bitte um Hilfe. Meine Familie ist in Lebensgefahr. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester, die haben in Kunduz gelebt. Sie sind wegen der Taliban nach Kabul geflüchtet. Dort fallen Schüsse. Niemand traut sich, auf die Straße zu gehen. Es sind viele Menschen gestorben. Bitte helft, meine Familie nach Deutschland zu holen.“

Lage in Afghanistan: Männer aus Wolfhagen möchten Geflüchteten helfen

Die Männer sind über das Internet mit ihren Familien und Landsleuten in Kabul vernetzt. Sie zeigen Videos mit Gräueltaten, die ihnen von dort geschickt wurden. Der Abzug der Streitkräfte und das Ende der Evakuierungen macht sie völlig mutlos. Sie greifen nach jedem Strohhalm und sind derzeit in Kontakt mit dem Auswärtigen Amt und anderen Stellen, von denen sie sich Hilfe erhoffen.

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„Wir möchten auch irgendwie helfen“, sagen die jungen Männer. Sie würden sich gern als Dolmetscher zur Verfügung stellen oder afghanische Landsleute unterstützen, die möglicherweise in der Region unterkommen. Ihr größter Wunsch ist es, dass ihre Familienmitglieder unter den Geflüchteten in Deutschland sind. (Bea Ricken)

Ein Mann aus Fritzlar saß wochenlang in Afghanistan fest, mittlerweile ist ihm die Ausreise nach Deutschland gelungen. Ähnlich gelang es einem Mann aus Kassel und seiner Verlobten.

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