Gespräch mit Dr. Manfred Schäfer 

HNA-Interview zu Belastung im Beruf: "Fuß vom Gas nehmen"

Hier kann man auftanken und die Seele baumeln lassen: In der Hardtwaldklinik II werden viele Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen behandelt, auch Burn-Out gehört dazu. Foto: dpa

Schwalm-Eder. Auf die erholsamen Feiertage folgt für viele Menschen ein Tief, weil sie die Arbeitsbelastung und den Druck im neuen Jahr fürchten. Zu viel Arbeit und falsche Arbeitsbelastung kann psychisch krank machen, wenn man nicht genügend Ausgleich hat.

Wir sprachen darüber mit Dr. Manfred Schäfer, Leiter der Hardtwaldklinik II und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Psychiatrie.

Herr Schäfer, jetzt nach den Festtagen und den Ferien klagen viele über ein seelisches Januartief. Gibt es so etwas überhaupt? 

Dr. Manfred Schäfer: Das würde ich schon sagen. Viele Menschen leiden das ganze Jahr über unter einer hohen Anspannung an der Arbeit, weil sie sich sehr verdichtet hat in den vergangenen Jahren. Dazu gehören nicht nur Überstunden. Die Zeit zwischen den Jahren ist für viele eine Auszeit; es wird ruhig und still und man zieht Bilanz, und merkt vielleicht, in welchem Hamsterrad man steckt. Das frustriert.

Aber warum schon zum Jahresanfang, viele konnten sich über die Festtage doch erholen? 

Schäfer: Ja, und hatten Zeit nachzudenken, sich vielleicht vorgenommen, gesünder zu leben und möchten etwas ändern, mehr Sport machen, öfter Freunde treffen. Dann steigt man wieder in den Beruf ein, merkt, es hat sich nichts geändert und fragt sich, wie man aus der Spirale rauskommen soll. Die besten Vorsätze lassen sich wieder nicht verwirklichen.

Wann wird Arbeit denn besonders belastend?

Schäfer: Das Multitasking lässt die Menschen nicht zur Ruhe kommen. Man fühlt sich ständig hin- und hergerissen und konzentriert sich nicht auf eine Sache. Ein weiteres Problem sind unklare Arbeitsaufträge. Wegen des starken Personalabbaus werden Aufgaben verteilt. Andere müssen Arbeiten erledigen, obwohl sie nicht dafür ausgebildet sind, und zwar möglichst ohne Ärger. Selbst wenn das gut funktioniert, führt das oft zur Überforderung.

Aber das allein kann doch nicht der Grund sein. Wächst der Druck denn so stark an?

Schäfer: Ja. Wir beobachten dazu eine Entgrenzung der Arbeitszeiten. Bei Heimarbeit wird oft noch mehr gearbeitet. Die Menschen können nicht mehr differenzieren, wann sie wo zur Ruhe kommen sollen. Die ständige Erreichbarkeit ist zudem ein Thema. Man kann nicht abschalten und loslassen. Auch wenn man damit scheinbar gut umgehen kann, ist im Hintergrund immer eine Spannung vorhanden.

Nun kann man aber kaum selbst seine Arbeitszeiten bestimmen, das macht ja wohl kein Arbeitgeber mit...

Schäfer:  Ja, aber nicht nur Arbeitgeber sind daran Schuld. Viele Menschen arbeiten von sich aus auch so viel. Manchmal reichen die Gründe bis in die Kindheit zurück. Beispiel: Eine fleißige Krankenschwester wollte als Kind den Eltern gefallen und hat sich immer mehr angestrengt als es gut war, um geliebt zu werden. Sie hat dieses Verhalten mit ins Arbeitsleben genommen und macht noch heute immer mehr als sie muss und überfordert sich. Immer noch ist das alte Muster Programm und der Glaube, nur dann wertvoll zu sein und geliebt zu werden.

Und so etwas wirkt noch nach Jahrzehnten?

Schäfer:  Das steckt ganz tief in den Menschen und ist vielen noch nicht einmal bewusst. Diese Verhaltensmuster sind individuell, und es gilt sie zu erkennen und zu ändern. Viele Menschen glauben aus solchen Gründen auch ernsthaft, dass sie keine Grenzen setzen dürfen.

Warum ist denn Ruhe so wichtig für die Psyche?

Schäfer: Zeiten, die nur uns gehören, sind enorm wichtig für jeden Menschen. Ich erkläre meinen Patienten immer, dass nicht nur ein Auto Pflege und Wartung braucht. Maschinen brauchen Stillstandszeiten, um nicht zu zu schnell verbraucht zu sein. So einfach ist das bei uns Menschen auch.

Wer immer auf Hochtouren läuft, ist schneller kaputt. Man muss auch als Mensch den Fuß vom Gas nehmen. Viele dagegen kennen nur immer mehr Leistung. Die physiologische Kurve kennt aber kein stetes Aufwärts. Besonders ältere Menschen brauchen mehr Auszeiten.

Die Wirtschaft und Arbeitgeber sehen das aber sicher anders?

Schäfer:  Das stimmt, und deshalb ändert sich ja so wenig. Eigentlich müsste es viel flexiblere Arbeitsmodelle geben, um unsere Arbeitnehmer lange gesund zu halten, auch wegen des steigenden Rentenalters. Gerade wenn man älter wird, sollte man mehr auf sich achten, vielleicht weniger arbeiten und auf Geld verzichten.

Dr. Manfred Schäfer

Experten sagen, dass der Bedarf an solchen Modellen steigen wird. Es wird sich aber nur dann etwas ändern, wenn die Nachfrage nach Arbeitnehmern steigt. Bis dahin muss man sich selbst helfen, so gut es geht.

Was kann man denn nun ganz konkret tun, wenn das alles nicht möglich ist? 

Schäfer:  Reden hilft, wenn man sich überfordert fühlt. Man sollte das alles nicht allein mit sich herum tragen. Es ist wichtig, sich mit den Kollegen auszutauschen. Es ist gut zu merken, dass man nicht allein mit dem Problem ist. Dann braucht es einen Ausgleich: Freunde Familie, Hobby und Sport. Dort holt man sich Kraft. Ein erstes Alarmzeichen ist, wenn man dies vernachlässigt, um zu arbeiten. Spätestens dann sollte man die Reißleine ziehen.

Wie holt man sich diese Zeit?

Schäfer:  Man muss sich seine Auszeiten erkämpfen, darf sich nicht noch mehr aufladen und muss seine Bedürfnisse wichtiger nehmen, als das viele von uns tun. Nein sagen, das müssen viele Menschen lernen. Das geht besser, als viele glauben. Man kann lernen, dass man dafür auch Konflikte aushalten muss und unter Umständen mal Gegenwind kassiert. Wenn man es richtig macht, wird einem nicht gleich der Kopf abgerissen.

Von Christine Thiery

Quelle: HNA

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