Gefährlicher und anstrengender Job für die Finger

Reportage: HNA-Volontärin schmiedet einen Ring

Melsungen. Viele alte Handwerksberufe sind selten geworden. In unserer Serie werfen einen Blick hinter die Kulissen. Hier unsere Reportage über Schmiedekunst.

Gedankenverloren streiche ich mir über meine Jeans. Millisekunden später ist mir klar, ich habe gerade wertvolles Material verschwendet. Denn was da an meinen Händen hängt und unter meinen Fingernägeln klebt, ist nicht irgendwelcher Dreck, sondern Silberstaub. Der fliegt an diesem Tag so häufig durch die Luft, dass die Goldmarie aus dem Märchen Frau Holle neidisch werden könnte. Denn ich schmiede einen Ring mit Hilfe von Goldschmiedemeister Gerhard Schwitzki in seiner Werkstatt bei Juwelier Köhler.

Noch bei keinem meiner Termine habe ich so viel Angst um meine Finger gehabt, wie bei diesem. Für die Finger eines Laien, wie ich einer bin, ist das Schmieden ein überraschend gefährlicher und anstrengender Job.

Gerhard Schwitzki

Zum Schmieden von Schmuck gehört Kraft und Geduld. Kraft braucht man etwa, wenn man die Metallplatte, aus der der Ring entsteht, walzt. Und auch wenn der Ring rund gebogen wird, muss man sich anstrengen. Den ersten Krampf allerdings bekomme ich beim Feilen. Ich versuche das etwa zehn Zentimeter lange Stück Metall zu begradigen aus dem mein Ring werden soll. Meine Hand verkrampft aufgrund der ungewohnten Haltung und mir bricht der Schweiß aus. Immer wieder rutscht mir der Metallriegel aus der Hand, weil ich ihn nicht fest genug gegen den Feilnagel drücke. Und das obwohl der Feilnagel Ritzen und Löcher hat, die dazu gedacht sind zu verhindern, dass das Metallstück wiederholt in das Fell fällt. Irgendwann fallen dann nicht nur Silberspäne, sondern auch ein Teil meines Fingernagels in das Fell, den Sack unter dem Werkbrett des Goldschmieds.

Stolz auf das Endprodukt: HNA-Volontärin Michaela Pflug mit dem Ring, auf dessen Innenseite Handarbeit 2015 steht.

Die Angst um meine Hände steigt und mein Feilen ist weit weniger enthusiastisch. Das ist schlecht. Denn es sind nicht Feuer und Hammer, die ich an diesem Tag am meisten nutze, sondern die Feile. Dementsprechend lange dauert es, bis die Lötstelle beigefeilt und der Ring schmal und dünn genug ist. Etwa eine Stunde hätte Goldschmiedemeister Schwitzki für einen solchen Silberring gebraucht. Ich brauche vier. Dabei stelle ich mich gar nicht so schlecht an. Zumindest laut Schwitzki. Er ermuntert mich ständig: „Für das erste Mal machen sie das wirklich gut“. Und selbst als das achte Sägeblatt mit einem leisen „Ping“ reißt, dringt kein böses Wort über seine Lippen. Über meine allerdings schon.

Irgendwann aber finde ich meinen Rhythmus, werde ruhiger und die Arbeit fällt mir leichter. Trotzdem bin ich dankbar als Schwitzki sagt, dass ich aufstehen darf und wir den Ring polieren. Am meisten fasziniert mich einer der letzten Schritte, die Gravur. Das Räderwerk der Graviermaschine übersetzt die großen Lettern in Miniaturschrift und ritzt sie ein: Handarbeit 2015. „Darauf können sie doch stolz sein“, sagt Schwitzki. Und stolz bin ich auf den Ring der meine leicht lädierten Hände schmückt.

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Foto: Dewert

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