Vierter Bilderschwatz im Malerdorf: Chor übernahm am Sonntag die Patenschaft

Ein hochbedeutsamer Brief

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Am Zeitstrahl: Kunsthistoriker Konrad Nachtwey deutete ein Werk von Maler Carl Wilhelm Hübner von 1871.

Willingshausen. Sie singen Lieder aus der Ferne, Gospels und Spirituals – die Happy Willingshausen Singers. Am Sonntag stand der Chor beim vierten Bilderschwatz für das Werk „Brief aus der Ferne“ Pate. Ein Verein richtet jeweils den Talk mit Kunst aus.

Im Gerhardt-von-Reutern-Haus wurde es am frühen Abend eng: Viele Gäste lauschten Kunsthistoriker Konrad Nachtwey, der Carl Wilhelm Hübners Bild deutete und mit den Besuchern diskutierte. Zuvor hörten die Gäste einen Liedvortrag des Chores. Ulli Becker-Dippel ordnete die weltliche Lage ein. Alles andere als ruhige Zeiten seien es gewesen: der deutsch-französische Krieg, in London fuhr 1880 die erste U-Bahn, Tolstoi schrieb „Anna Karenina“, in Kassel wurde mit dem Bau der Neuen Galerie begonnen. Zu dieser Zeit besuchte Hübner Willingshausen.

Der Künstler wurde 1848 geboren und besuchte die Kunstakademie in Düsseldorf. Als Maler reiste er unter anderem durch die USA. „Hübner ist der Repräsentant einer Epoche, die sich zwischen Sehnsucht nach Neuem und Angst vor dem Unbekannten nicht zu entscheiden vermochte“, zitierte Nachtwey. Denn der Künstler malte durchaus sozialkritisch. Viele Willingshäuser seien sich sicher, dass der besagte Brief im Werk aus Amerika stammen müsse: „Das ist nicht bewiesen, könnte aber sein.“ Auch die Deutung des Überbringers ließe mehrere Varianten zu: Der Ohrring des Langhaarigen könne ein Symbol für einen Zimmermann sein, der auf der Walz sei. Gäste wunderten sich jedoch, dass ein älterer Mann noch unterwegs sei. Eindeutig sei aber Hübners kunstvoller Einsatz von Licht. „In seiner Lokaltonigkeit, seinen kraftvollen Farben, bildete er die Wirklichkeit nah ab“, sagte Nachtwey.

Die Familie auf dem Bild dürfe als durchaus wohlhabend gelten. Darauf deuteten nicht nur die Kleider hin. Einer Besucherin fiel auf, dass der Bauer gut genährt aussah. Auch sei relativ sicher, dass der Brief sonn- oder feiertags im Kreise der Familie gelesen wurde. Keiner der Abgebildeten trage Arbeitskleidung. Dem Genremaler sei eine hervorragende Kompositionsdramaturgie gelungen: „Ich beglückwünsche die Willingshäuser zu diesem Werk“, erklärte der Experte. Wie besonders ein solcher Brief aus der Ferne damals war, machte eine Schaltung via Skype in die USA klar: Dort saß die gebürtige Willingshäuserin Elke Riebeling, die vor 25 Jahren nach San Diego zog. Ihr Gruß in die Heimat kam selbstverständlich in Schwälmer Platt.

Der nächste Bilderschwatz ist für April geplant: Besprochen wird dann Prof. Thielmanns Bild „Das kranke Kind“, Pate ist der DRK-Ortsverein. (zsr)

Quelle: HNA

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