100 Jahre Erster Weltkrieg: Der Merzhäuser Lehrer Karl Wilhelm beschreibt die Zustände im Schützengraben

Die Höhlen waren die Hölle

Leben in Löchern: Im Schützengraben wurden Deckungen tief in der Erde angelegt. So beschreibt es auch der Merzhäuser Lehrer Karl Wilhelm. Repro: HNA

Nach dem Rückzug von der Marne sei jeder froh gewesen, „wenn er sich da, wo er gerade lag, zunächst in einer Vertiefung eingeschanzt hatte. Als dann ein Graben entstanden war, baute sich jeder, so gut es ging, eine kleine Höhle für einen Mann in eine Wand des neu aufgeworfenen Grabens, legte etwas Stroh hinein und deckte sich selbst mit Zeltbahn und Mantel zu“, berichtet Karl Wilhelm. Später fing man an, größere Deckungen für mehrere Mann zu bauen, die man „Höhlen“ nannte.

Im Durchschnitt folgten bei Karl Wilhelm auf 20 Tage in Stellung zehn Tage in Ablösung. Wilhelm schreibt mehrmals von Wortwechseln zwischen deutschen und französischen (elsässischen) Soldaten, obwohl solche Kontakte streng verboten waren. Hier ein Beispiel vom April 1915: Franzose: „Deutscher Kamerad, komm rüber. Wir haben hier Wein und Schnaps und viel zu essen!“ Der Deutsche: „Ich will dir was scheißen. Wir haben mehr zu essen und trinken als ihr.“ Franzose: „Ihr habt ja keine Courage, sonst wärt ihr schon längst mal rübergekommen.“ Deutscher: „Wenn ihr was von uns wollt, so kommt nur. Macht lieber Frieden da drüben. Das ist gescheiter.“

Eine andere Situation: „Am 12. August war es an der Front weiter sehr ruhig. Franzosen sahen über Deckung und riefen: „Kamerad, komm rüber!“ Wenn unsere Kameraden den Franzosen dasselbe zuriefen, dann zuckten sie die Achsel und deuteten nach hinten, um anzudeuten, dass sie das nicht tun dürften. Auf unserem Doppelposten waren wir von den Franzosen nur etwa 30 m entfernt.“

Die Verpflegung im Felde sei reichlich gewesen. „Als Essen gab es anfangs oftmals Sauerkraut mit Erbsen und Fleisch als Suppe, dann auch Reis-, Graupen-, Nudel- und Bohnensuppe, sowie Dörrgemüse. Manchmal gab es auch Reis mit Pflaumen. Wir brauchten keinen Hunger zu leiden. Nach der Verkürzung der Brotration im Februar wurde uns der fehlende Rest durch Geld vergütet.“

Wilhelm erkrankte mehrmals. Er holte sich ein Furunkel am Nacken, einen Darmkatarrh, der 14 Tage andauerte, eine Mandelentzündung infolge des Stehens in Kälte und Nässe und einen Bandwurm. Häufig entging er nur knapp dem Tode: „Wahrscheinlich ein Scharfschütze von drüben setzte plötzlich einen Zentimeter vom linken Rand des Schussloches entfernt eine Infanteriekugel auf die Schießscharte, dass ich augenblicklich nicht mehr auf dem linken Ohre hörte und sechs Tage lang ein Rauschen wie von einem Wasserfall vernahm. Die Kugel war wie ein Eichenblatt deformiert worden. Wäre sie durch das Schussloch gegangen, wäre mir ein Kopfschuss sicher gewesen.“

Einmal fiel eine Mine etwa zwei Meter von ihm entfernt auf den Rand des Grabens und explodierte, ein andermal landete sie vor ihrem Stolleneingang und ging nicht los. „Wäre die Detonation erfolgt, so wäre der Stollen eingedrückt worden und von uns wäre vermutlich nicht viel übrig geblieben.“

Andere hatten weniger Glück gehabt. „In dem Graben lag ein toter französischer Leutnant, dem die Ratten die Kopfhaut, auch an anderen Körperteilen das Fleisch bis auf die Knochen abgefressen hatten. Am Gesäß hatte er so zahlreiche Löcher, dass es aussah wie ein Reibeisen.“

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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