Schwälmer mochten Samt und Seide

Holzburgs Museumsleiterin Heidrun Merk hat zu Trachtenstoffen recherchiert

Aufwendig: In ihrem Buch „Leinen, Samt und Seide“ hat die Leiterin des Schwälmer Dorfmuseum recherchiert
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Aufwendig: In ihrem Buch „Leinen, Samt und Seide“ hat die Leiterin des Schwälmer Dorfmuseum recherchiert, woher die Stoffe für die Schwälmer Tracht kamen. Unser Archivbild zeigt die Tanz und Trachtengruppe Loshausen beim Festzug auf der Ziegenhainer Salatkirmes. (Archivfoto)

Auf ein etwas anderes Buch zum Thema Tracht können sich Trachtenfans in der Schwalm freuen. Das Besondere: Im Fokus liegt nicht die Tracht als solche, sondern vielmehr die Stoffe, aus der die traditionelle Kleidung besteht.

Holzburg – Ursprünglich als Begleitkatalog zu einer Ausstellung im Schwälmer Dorfmuseum Holzburg gedacht, entwickelte sich die Arbeit von Museumsleiterin Heidrun Merk zu einem eigenständigen Projekt. Man kann wohl sagen, ein Coronaprojekt mit lokal-historischen Bezug. Das sei einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie, man komme zum Bücherschreiben, meint Heidrun Merk.: „Sobald es wieder möglich ist, möchte ich die Ausstellung aber zeigen.“

Unter dem Titel „Leinen, Samt und Seide“ blickt Merk auf die Grundlage der Schwälmer Tracht, die Stoffe. Das Spektrum sei ihres Wissens so noch nicht bearbeitet worden, sagt die Holzburger Museumsleiterin gegenüber der HNA: „Das ist etwas Neues.“

In der Publikation geht es um kostbaren Stoffe, um ihre Geschichte, Herkunft, Materialität und wie sie den Weg in die Schwalm gefunden haben. Da aufgrund der Corona-Pandemie das Museum seit Monaten nicht geöffnet habe, müsse man auch auf anderen Wegen Einnahmen generieren, sagt Merk: „Es sollte daher auch ein wertiges Produkt werden. Bewusst kein Hardcover, es soll weich in der Hand liegen.“

Als Ausgangspunkt für das Buch habe sie viele Schwälmer Jahrbücher durchgearbeitet und Informationen zusammengetragen, sagt die Holzburgerin: „Das war im Winter oft meine Sonntagnachmittagbeschäftigung.“ Eine Weberin aus Schlitz erklärte Grundlagen und gab wichtige Hinweise. „Ich haben mich allmählich vorgearbeitet und den Schwerpunkt dann bei den Stoffen gesetzt“, so Merk.

Interessant sei gewesen, dass der Landbevölkerung in der Schwalm eigentlich die Nutzung von exklusiven, luxuriösen Stoffen untersagt gewesen sei, weiß die Museumsleiterin. Trotzdem finden sich teure Stoffe in der Schwälmer Festtagskleidung. „Das hat mich fasziniert“, sagt sie.

Eigentlich verboten, trotzdem genutzt: Feine Stoffe gehören seit jeher zur Schwälmer Tracht. (Archivfoto)

Ein Schwerpunkt des Buches ist die zentrale Rolle der jüdischen Händler und Kaufleute in der Schwalm, die wichtige Zulieferer für die Herstellung der Schwälmer Trachten waren. Sie hatten das Monopol auf „Ellenwaren“ und lieferten Stoffe, Garne, Knöpfe, Bänder, Seidentücher, Bernsteinketten und vieles mehr als „fliegende Händler“ direkt in die Schwälmer Bauernhäuser. Viele Textilgeschäfte in Schwalmstadt, wie die Firmen Baum oder Wallach, würden auf jüdische Gründungen zurückgehen, hat Heidrun Merk recherchiert.

Die Museumsleiterin blickt auch über den Tellerrand hinweg und beleuchtet das Textilgewerbe in Hessen-Kassel insgesamt. Sowohl Leinen als auch Tuche (Wolle) waren im 18. Jahrhundert wichtige Exportschlager in Hessen.

Die Tuchherstellung sei abhängig vom Militär gewesen, denn immer wenn in Hessen-Kassel Kriege geführt oder Soldaten verliehen wurden, habe man für ihre Ausrüstung auch strapazierfähige Tuche für Uniformen benötigt, erklärt die Holzburgerin: „Dies ist vor dem Hintergrund der Garnison in Ziegenhain interessant.“ Auch über Industriegeschichte erfährt der Leser etwas. Als kleiner Exkurs findet sich am Ende ein Kapitel über die Weberei Egelkraut in Trutzhain. „Wenn man ein Buch über Stoffe macht, dann ist es ja naheliegend, wenn man die historische Weberei mit aufnimmt.“

Bezugsmöglichkeiten: Das Buch „Leinen, Samt und Seide“ kann für 6 Euro bei örtlichen Buchhändlern, der Schwalm-Touristik und im Museum erworben werden. E-Mail: info@dorfmuseum-holzburg.de (Matthias Haaß)

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