Gottesdienstbesucherin kritisiert hygienischen Aspekt

Nur ein Kelch für alle? Diskussionen um Hygiene bei Gottesdiensten

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Das letzte Abendmahl: Um 1500 hat Matthias Grünewald das Bild geschaffen. Es zeigt Jesus das letzte Mal in der Gemeinschaft seiner zwölf Jünger vor seiner Kreuzigung. Darauf zurückgeht der Abendmahlsgottesdienst, wie er heute in den Kirchen gefeiert wird.

Diskussion im Wolfhager Land: Gemeinschaftskelch oder Einzelkelche beim Abendmahl in der Evangelischen Kirche? Ein Abwägen zwischen Hygiene und Symbolkraft.

Beim Gedanken an ihren letzten Abendmahlsgottesdienst packt Renate Meyer (Name geändert) der Ekel. Sie empfand das Erlebte als so unhygienisch, dass sie beschloss, an keinem Abendmahl mehr teilzunehmen. Die Rentnerin aus dem Wolfhager Land war eingeladen zu einer Jubiläumskonfirmation und kam nicht umhin, mit weiteren älteren Menschen aus einem Kelch zu trinken. „Das passt nicht mehr in unsere Zeit“, sagt sie. 

Das Abendmahl ist wichtiger Bestandteil der Glaubenspraxis in der Evangelischen Kirche. Traditionell trinkt dabei die Gemeinde aus einem Gemeinschaftskelch. In den Gemeinden im Kirchenkreis Wolfhagen gibt es aber auch alternative Praxen. 

In der Gemeinde Meyers, die früher in einem medizinischen Beruf tätig war und auf Hygiene großen Wert legt, tunkten die Gläubigen wahlweise eine Hostie in den Kelch oder tranken aus ihm. Da sie ihre Oblate bereits gegessen hatte, musste sie mit ihren Lippen den Kelch berühren. 

Pfarrerin Natt (Gemeinden Sand und Merxhausen)

Dr. Gisela Natt, Pfarrerin in den Gemeinden Sand und Merxhausen, nimmt die Befindlichkeiten ernst. Gleichzeitig hinterfragt sie, ob an einem Kelch tatsächlich mehr Keime haften als etwa an Türklinken. In ihren Gemeinden werden zum Abendmahl Einzelkelche gereicht. Dies habe sie, als sie die Gemeinde übernahm, so vorgefunden und akzeptiert. Allerdings gebe es Aspekte, die für einen Gemeinschaftskelch sprechen, etwa das Verbindende, das mit dem Abendmahl unter den Gläubigen geschaffen wird. 

Pfarrer Natrup (Dörnberg)

Dieses Argument führt auch Josef Natrup an, Pfarrer in Dörnberg. Dort war der Gemeinschaftskelch bereits abgeschafft, er führte ihn vor fünf Jahren wieder ein und erntete Kritik. Natrup: „Ich halte das Experimentieren am Abendmahl für hochproblematisch.“ Jesus habe das Sakrament für die Christen eingesetzt, das könne man nicht modifizieren.

Bei der Gestaltung von Abendmahlsgottesdiensten haben sich in den evangelischen Kirchengemeinden im Wolfhager Land unterschiedliche Formen etabliert. Sie variieren hinsichtlich Gestaltung und Häufigkeit. Letztlich sind es die Kirchenvorstände und nicht etwa die Pfarrer, die darüber entscheiden, ob die Gemeinde aus einem Gemeinschaftskelch oder aus Einzelkelchen trinkt und ob das Gefäß Wein oder Traubensaft erhält.

Pfarrer Hanske (Istha, Oelshausen, Bründersen)

Bereits Ende der 1980er-Jahre wechselten die Kirchengemeinden in Istha und Oelshausen zu Einzelkelchen aus Edelstahl. Damals war die Angst in der Bevölkerung vor Aids und Hepatitis C besonders groß. Gleichzeitig habe man noch zu wenig über die Krankheiten gewusst und sicherlich etwas übertrieben, sagt Pfarrer Wolfgang Hanske. Vor allem jüngere Menschen seien Abendmahlsgottesdiensten fern geblieben. Nach der Umstellung auf Einzelkelche – seine beiden Gemeinden zählten zu den ersten in der Region, die sich für diesen Schritt entschieden – seien wieder mehr junge Christen in die Kirche gekommen.

„Um die Gemeinschaft zu betonen, fasst sich die Gemeinde bei den Händen“, so Hanske. „Die Stärke der evangelischen Kirche ist doch gerade ihre Gestaltbarkeit und Vielfalt“, sagt der Pfarrer, in dessen dritter, von ihm betreuten Kirchengemeinde Bründersen es einen Gemeinschaftskelch gibt.

Pfarrerin Ufholz (Wolfhagen)

„Bei uns gibt es einen Gemeinschaftskelch. Aus ihm wird getrunken, oder die Hostie wird eingetunkt“, sagt Wolfhagens Pfarrerin Katharina Ufholz. An einem Kelch trinken bis zu fünf Personen, der Pfarrer dreht den Kelch sehr großzügig, sodass niemand mit seinen Lippen die Stelle berühren muss, an der zuvor jemand anderes einen Schluck genommen hat.

Mit einem alkoholgetränkten Tuch werde das Gefäß gereinigt, ehe es erneut mit Wein oder Saft befüllt werde, so Ufholz. Traubensaft werde auch deshalb angeboten, um Alkoholkranke und Kinder sowie Menschen, die Alkohol nicht mögen, nicht auszuschließen. Ufholz räumt ein, dass die Befindlichkeiten zum Thema Hygiene schlecht einschätzbar seien. „Es wäre gut, wenn Menschen, die Bedenken hinsichtlich der Hygiene haben, auf mich und den Kirchenvorstand zukommen würden.“

Pfarrer Rahn (Zierenberg)

Einzelkelche sind für Zierenbergs Pfarrer Friedemann Rahn eine „unsägliche Praxis“. Ihn erinnern sie an Eierbecher und Schnapsgläser, aus denen Pullerschnaps getrunken wird. Und es heißt ja auch: Der eine Kelch und das eine Brot. Dabei werde die Gemeinschaft betont. 

In Zierenberg gibt es zwei gotische Gemeinschaftskelche aus Silber. Die hätten eine antibakterielle und virenhemmende Wirkung. Für die Gläubigen gibt es beim Abendmahl zwei Varianten: Die traditionelle, bei der aus dem Kelch getrunken wird und die Alternative „Intinctio“ – dabei wird die Hostie in das Gefäß gehalten und dann zum Mund geführt. „80 Prozent entscheiden sich für Intinctio“, so Rahn. Neben Wein werde auch Traubensaft angeboten.

Pfarrer Jusek (Elbenberg und Altendorf)

In den Kirchgemeinden Elbenberg und Altendorf darf die Abendmahlsgemeinschaft wählen. Und zwar zwischen Einzelkelchen und einem Gemeinschaftskelch. 

Pfarrer Oliver Jusek schätzt die Zahl derer, die aus separaten Kelchen trinkt, auf zehn Prozent. Auch er ist der Auffassung, dass beim Verzicht auf Gemeinschaftskelche das Symbol der Gemeinschaft verloren geht.

Quelle: HNA

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