"Ich bin Berufsoptimist"

Interview: Werner Lange war 24 Jahre Bürgermeister in Niedenstein

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Grund zum Lachen: Werner Lange freut sich, dass er an seinem vorletzten Arbeitstag als Bürgermeister Gelegenheit hatte, sich die neue Kindergarten-Gruppe anzuschauen, die im Wichdorfer Bürgerhaus eingerichtet wurde. Die Kinder, die nächstes Jahr in die Schule kommen, werden dort betreut. Nötig war die Aussiedlung, weil die Warteliste für die Kita-Plätze immer länger wurde. „Da haben wir uns mit dem Jugendamt abgesprochen und schnell eine Lösung gefunden“, sagt Lange. Das sei ein Vorteil kleiner Gemeinden. 

Niedenstein. Dass es den Homberger Werner Lange in den 80er-Jahren nach Niedenstein verschlug, ist dem Zufall und dem damaligen Landrat August Franke geschuldet. 

„Da gehst du jetzt mal hin", sagte Franke dem jungen Mann, der in der Kreisverwaltung gelernt hatte. In Niedenstein war nämlich der Posten des Büroleiters frei geworden. Und der Büroleiter galt in jenen Jahren häufig als Vorstufe fürs Bürgermeisteramt. Das klappte dann auch: 1991 wurde Werner Lange, 33 Jahre jung und gerade zum zweiten Mal Vater geworden, von der Stadtverordnetenversammlung zum Bürgermeister gewählt. Das blieb er, bis gestern. 24 Jahre lang. Wir sprachen mit ihm darüber. 

Ist es Ihrer Meinung nach ein Vorteil, wenn man so jung ins Amt gewählt wird?

Lange: Die Jugend war ein Vorteil, ja. Man ist unbelasteter, mutiger. Es fehlt vielleicht an Erfahrung, aber man traut sich eher, etwas zu versuchen. Mir kam zugute, dass in den Gremien der Stadt hauptsächlich ältere, erfahrene Männer saßen.

Wie wichtig ist ein Bürgermeister in einer kleinen Stadt wie Niedenstein?

Lange: Sehr wichtig. Der Bürgermeister ist schließlich der einzige hauptamtliche Vertreter seiner Kommune. Das darf man nicht vergessen. Seine zentrale Aufgabe ist es, professionell die Interessen der Stadt zu vertreten, gegenüber anderen Behörden und Gruppen. Außerdem muss er Ideen entwickeln, am besten gemeinsam mit den ehrenamtlichen Politikern.

Wie sieht es eigentlich mit der Bürgernähe aus? Kommt man den Menschen seiner Stadt wirklich nahe?

Lange: Meine Familie und ich, wir waren und sind eingebunden in das normale Leben der Niedensteiner. Klar, man ist und bleibt Bürgermeister, hat eine besondere Funktion. Aber aus der Position des Familienvaters, des nachbarn konnte ich vieles auch beurteilen, was für Niedensteiner eine Rolle spielt.

Gibt es etwas, was Sie bedauern oder was Sie gerne geschafft hätten?

Lange: Eigentlich bedauere ich nichts. Die 24 Jahre sind rund und gelungen. Für die Dinge, die nicht geklappt haben, gab es gute Gründe.

Ein Beispiel?

Lange: Naja, die Sport- und Mehrzweckhalle, die Niedenstein fehlt. Die hätten wir gerne gehabt, aber wir hatten zu keiner Zeit Geld dafür, und hätten wir sie heute, würde sie uns finanziell sehr belasten. Dafür haben wir es geschafft, das Hallenbad zu erhalten. Das ist ein Erfolg für die Stadt, denn viele sind daran beteiligt gewesen.

Niedenstein hat eine besondere Randlage, direkt am Speckgürtel Kassels, ist aber dennoch finanziell immer klamm. Warum eigentlich?

Lange: Wir liegen verkehrstechnisch gesehen abseits, das ist keine Einladung fürs Gewerbe. Deshalb fehlen uns Gewerbesteuereinnahmen. Vom Pro-Kopf-Einkommen her gehören wir zu den oberen Zehn im Landkreis, haben also eine recht wohlhabende Bevölkerung. Bei der Verteilung im kommunalen Finanzausgleich werden wir leider benachteiligt. Das darf so nicht bleiben. Aber mit den Möglichkeiten, die wir hatten, haben wir viel erreicht.

Die leer stehenden Gewerbeimmobilien im aufwendig geplanten Neuen Zentrum, ärgern die Sie nicht sehr?

Lange: Die Entscheidungen der Mieter, dort wegzugehen, traf keiner in Niedenstein, sondern die Konzernzentrale. Eigentümer sind heute ausländische Investoren, die bestimmt noch nie vor Ort waren. Da die Mietverträge noch laufen, sie also ihr Geld bekommen, gibt es kein Interesse an einer neuen Nutzung. Da kann die Stadt nichts tun, leider.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für eine kleine Stadt wie Niedenstein?

Lange: Die liegt in der Alterung der Einwohner. heute liegt in Niedenstein das Durchschnittsalter bei knapp 50 Jahren. Ältere Menschen fragen andere Sachen nach, benötigen andere Dienstleistungen. Das wird sich auswirken auf Infrastruktur und Kaufkraft. Und man muss aktiv etwas tun gegen die Vereinsamung. Zwei Rentnergenerationen leben künftig gleichzeitig, das wird Thema sein.

Und was ist mit der Zuwanderung, den Flüchtlingen?

Lange: Unser Land braucht Zuwanderung, sie ist eine chance. In Niedenstein kümmern wir uns schon seit längerem, die Stadt hat eine viertel Stelle dafür abgestellt. Die Hilfe der Ehrenamtlichen ist enorm, es gibt zahllose Einzelne, die tätig werden.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Lange: Ich hoffe, er findet Menschen, die ihn unterstützen und mit ihm zusammen herausfinden, was wir brauchen in Niedenstein, was uns weiterbringt. Ich wünsche mir, dass auch das Parlament weiterhin entscheidungsfreudig ist. Aber da bin ich Optimist. Bürgermeister sind ohnehin Berufsoptimisten.

Quelle: HNA

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