Studie liefert eindeutige Zahlen

Jeder zweite Feldvogel fehlt: Dramatischer Vogelschwund auch im Schwalm-Eder-Kreis

Ein junger Kiebitz: Ihm fehlen Nahrung und Lebensraum.
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Ein junger Kiebitz: Ihm fehlen Nahrung und Lebensraum.

Seit dem Jahr 1980 ist in unserer Region jeder zweite Feldvogel verschwunden. Diese dramatische Entwicklung hat eine Studie der Vogelschutzorganisation BirdLife und der European Bird Census Council jetzt zutage gebracht.

Der Rückgang der Vögel bezieht sich auf das gesamte europäische Festland. Ornithologe Joachim Reinhardt aus Elbersdorf bestätigt die Zahlen. So gibt es beispielsweise vom Kiebitz noch zehn Brutpaare im Schwalm-Eder-Kreis. Erschreckend: Vor 25 Jahren brüteten noch 120 Kiebitz-Paare im Landkreis. „Der Vogel leidet massiv unter der intensiven Landwirtschaft“, erklärt Reinhardt, der seit mehr als 15 Jahren als Vogelzähler für den Dachverband Deutscher Avifaunisten unterwegs ist. Noch dramatischer ist die Entwicklung beispielsweise bei der Bekassine, einem Schnepfenvogel. Als Brutvogel ist sie innerhalb der vergangenen zehn bis 20 Jahre im Landkreis ausgestorben. Dasselbe gelte für den Raubwürger und das Braunkehlchen. Ein Grauammer-Pärchen sei letztmals im Jahr 2007 beobachtet worden.

„Der Klimawandel und die veränderten Strukturen in der Landwirtschaft sind die größten Faktoren für die Veränderungen“, sagt Reinhardt. Die Studie klärt darüber ebenfalls auf. Vögel, die Äcker, Wiesen und Weiden zum Brüten nutzen, leiden unter dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, der zeitlichen Taktung der Feldbestellung, dem Verschwinden von Feldsäumen und Blühpflanzen, die Insekten und damit den Vögeln Nahrung bieten.

Nichts ist mehr wie früher

Einer seiner Lieblingsplätze, um Vögel zu beobachten, befindet sich oberhalb des Spangenberger Stadtteils Kaltenbach. Von dort hat Ornithologe Joachim Reinhardt einen sensationellen Blick über Felder, Wiesen, Wald und bis zum Schloss Spangenberg. Doch mit dem Ausblick wird ihm auch immer wieder klar, dass nichts mehr ist wie früher. Wie vor 40 Jahren, als Reinhardt noch ein Kind war: „Ich weiß noch, dass hier immer ganz viele Rebhühner in den Ödlandflächen saßen.“ Teilweise seien sie bis an die Siedlungsgrenze gekommen. Doch jetzt: kein einziges Rebhuhn mehr. Die Bestände sind in den vergangenen 30 Jahren europaweit um 94 Prozent zurückgegangen. Auch im Schwalm-Eder-Kreis.

Die intensive Bewirtschaftung der Felder macht den Vögeln zu schaffen. Denn Platz für Wildkräuter, die Insekten und damit den Feldvögeln die Hauptnahrung bieten, bleibt nicht mehr. Auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln spielt eine große Rolle. Und Felder werden immer größer, verdrängen wild wachsende Graswege und Feldraine. „Was soll hier noch wachsen“, fragt Reinhardt und zeigt auf einen asphaltierten Weg mitten im Feld. Unbefestigte Wege aus Lehm, wo Schwalben nach einem Regen Nistmaterial holen, wo ein wilder Grasstreifen mit Löwenzahn, Ackerwitwenblumen und Klee in der Mitte des Weges steht – vielerorts Fehlanzeige. Und die Feldsäume? Sie werden viel zu häufig gemäht, sagt Reinhardt. Wildkräuter haben keine Chance. „Bei manchen Vogelarten wundere ich mich wirklich, wie sie überhaupt eine Brut ernähren können“, sagt der Ornithologe, der als Ranger im Naturpark Kellerwald-Edersee arbeitet.

Auch der Kiebitz gehört zu den Vogelarten, deren Zahl massiv zurückgegangen ist. Noch zehn Brutpaare gibt es im Schwalm-Eder-Kreis – statt 120 vor knapp 30 Jahren. Seine Bruträume auf Äckern und Wiesen schwinden, denn durch die intensive Bearbeitung der Felder wird ein solches Gelege bei der Vorbereitung für die Aussaat einfach mitsamt der Gülle untergeackert. Die Feldlerchen sind Leidensgenossen. So ergeht es auch dem Rebhuhn, wenn es eine scheinbare Brachfläche als Brutfläche auserkoren hat. Wenn diese im Frühsommer gemäht wird, sind die Jungen noch nicht flügge.

Dass es noch nicht zu spät sei, den Trend zu stoppen, zeigten verschiedene Projekte, sagt Reinhardt. Gute Beispiele seien Rebhuhn-Projekte wie in Bad Zwesten oder im Landkreis Göttingen. Dort konnten Landwirte mit der Anlage von mehrjährigen Blühflächen den Rebhuhnbestand enorm erhöhen. „So etwas gibt Hoffnung.“ Es sei nicht mit schmalen Blühstreifen an den Feldrändern getan. Mehrjährige große krautige dichte Flächen müssten sich entwickeln dürfen – und zwar fernab von Wald, Bäumen und höheren Hecken, die Raubvögeln einen Ansitz bieten. Auch an Wegen, auf denen Leute mit Hunden unterwegs seien, sei die Anlage von Blühflächen ungeeignet. Die Situation sei völlig absurd. „Wir kennen das Problem und wir kennen die Lösung, aber wir lösen es nicht.“ Die Landwirte dürfe man keinesfalls für die Situation verantwortlich machen. Die Politik sei in die Pflicht zu nehmen. Die Landwirte müssten dringend Subventionen für Maßnahmen erhalten, die die Vogelbestände schützen. Und das beträfe die gesamte EU. Der Vogelwelt gehe es nicht gut. „Die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben. Wenn sich in der Landwirtschaft sukzessive etwas ändert, dann können wir etwas bewegen.“

Das sagen die Landwirte

„Sicherlich hat die Landwirtschaft einen Anteil daran“, sagt der Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Norbert Klapp. Jedoch spielten auch die Fressfeinde eine Rolle. Die Ausbreitung des Waschbärs beispielsweise sei nicht zu unterschätzen.

Bei den Landwirten finde ein Umdenken statt. Vor 15 bis 20 Jahren sei das Trimmen auf Effizienz so massiv gefördert worden, dass nur derjenige Landwirt bedeutend gewesen sei, der den saubersten Acker und auch den saubersten Ackerrandstreifen gehabt habe. „Aber wir kommen langsam dahin, dass wir Feldränder auch bis vor die Ernte stehen lassen.“ Problematisch sei, dass es immer wieder zu Anschuldigungen von Naturschützern komme. „Wir Landwirte wollen auch zu den Guten gehören“, sagt Klapp. Positive Beispiele, wie die Rebhuhn-Projekte, förderten die Akzeptanz der Landwirte. Das zeige, dass mit kleinen Flächen etwas erreicht werden kann.

Auch Landwirt Dirk Fehr aus Wollrode sagt: „Sicher sind wir mit an der Lage beteiligt.“ Jedoch ließen sich gewisse Maßnahmen wie beispielsweise der Gewässer- und der Vogelschutz nicht vereinbaren. Eine ganzjährige Fruchtfolge verhindert Erosion, bietet aber keinen Platz für Bodenbrüter. „Es gibt viele verschiedene Interessen und vieles davon widerspricht sich.“ Auch die Technik habe sich weiterentwickelt. Mit alten Maschinen seien auf den Feldern Fehlstellen entstanden, also Stellen, die nicht bewirtschaftet werden konnten und Brutplätze für Vögel boten. Mittlerweile seien die Maschinen so präzise, dass es solche Stellen, die eigentlich ein Produktionsfehler waren, nicht mehr gebe. Auch offene Güllehaufen habe es früher gegeben, da es noch viele kleine Betriebe gab. Heute seien offene Güllehaufen – eine Brutstätte für Insekten – weder gesellschaftlich noch seitens der EU erwünscht. Aber es gebe auch andere Faktoren wie die zunehmende Lichtverschmutzung, die dazu beitrügen, dass Insekten zunehmend weniger würden.

Der Klimawandel und die Profiteure

Der Klimawandel mit seinen steigenden Temperaturen trägt auch zur Veränderung der Artenvielfalt in der Vogelwelt bei. Vom milderen Klima profitiere beispielsweise der Grünspecht, sagt Ornithologe Joachim Reinhardt aus Elbersdorf. Etwa 40 000 Brutpaare gibt es in Deutschland. Das sind doppelt so viele wie vor 20 Jahren.
Durch milde Winter findet der Specht das ganze Jahr ausreichend Nahrung, hinzukommen Stürme wie Kyrill, der im Jahr 2007 wütete und dem Grünspecht eine große Zahl an Totholz für die Nahrungssuche und die Anlage von Bruthöhlen bescherte.
Auch Kurzstreckenzieher wie die Mönchsgrasmücke profitieren.
Statt in Spanien oder Nordafrika verbringen viele der Vögel den Winter in Großbritannien. Der Winter dort ist ihnen mittlerweile mild genug.
Der Klimawandel bringe auch Vogelarten nach Nordhessen, die hier bisher nicht auftauchten, sagt Reinhardt. Beispiele dafür seien der wärmeliebende Bienenfresser, Wiedehopf und Orpheusspötter.

Der Wald als guter Lebensraum

Deutlich besser als den Agrarvögeln geht es denjenigen Arten, die im Wald ihren Lebensraum haben, sagt Joachim Reinhardt. Und das, obwohl gerade der Wald durch den Klimawandel in den vergangenen Jahren massiv gelitten habe. „Allerdings sind in den Wäldern in den vergangenen Jahren auch viele Mischbestände aufgeforstet worden.“ Auch sei die ökologische Bedeutung von einzelnen Bäumen oder Baumgruppen viel mehr in den Fokus gerückt worden. So werden besonders wertvolle Bäume (auch Totholz), in denen sich beispielsweise Bruthöhlen von Eulen oder Spechten befinden, mit einem H (Habitatbaum) gekennzeichnet. Solche Bäume dürfen nicht gefällt werden. Früher seien hingegen einfach die dicksten Bäume herausgenommen worden.

Ein weiterer Vorteil für die Vögel: Im Wald dürfen keine Spritzmittel eingesetzt werden. Vom guten Waldleben profitiert beispielsweise der Neuntöter, ein Vogel aus der Familie der Würger. Er nutzt gern buschreiche Waldränder zum Brüten. Ebenso profitieren einige Grasmückenarten, der Schwarzstorch, der ausschließlich im Wald brütet sowie die Waldschnepfe, sagt Reinhardt. Insgesamt hätten sich die Waldarten erholt. „Bei manchen nehmen die Bestände sogar zu.“

Brutvogelkartierung

Der European Bird Census Council (EBCC) startete vor zehn Jahren eine Brutvogelkartierung, um die Zahlen zu Beständen aus dem Jahr 1980 zu aktualisieren. Die teils erschreckenden Entwicklungen der Artenvielfalt wurden im Europäischen Vogelatlas zusammengetragen. Partnerorganisation war unter anderem der Dachverband Deutscher Avifaunisten, dem auch Joachim Reinhardt aus Elbersdorf angehört. Während der Kartierungsphase, die von 2013 bis 2017 dauerte, wurden 539 in Europa heimische Brutvogelarten registriert.

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